Im Prinzip ist das Olympische Wirtschaftsmodell ziemlich einfach. Veranstalter und Sponsoren zahlen, das IOC kassiert. Wenn man genauer hinsieht und herausfinden will, wer genau wovon und wie viel profitiert, dann wird es schon schwieriger. Im Fall Peking 2022 ist es nahezu unmöglich, die Finanzströme in Zahlen zu fassen. Nur so viel: Billig werden diese Olympischen Winterspiele mit Sicherheit nicht.

Nach Schätzungen von Axios waren die Winterspiele in Sotschi 2014 die teuersten aller Zeiten mit umgerechnet etwa 51 Milliarden US-Dollar, gefolgt von den Pekinger Sommerspielen 2008 mit etwa 45 Milliarden US-Dollar. Wobei es nicht immer leicht ist zu unterscheiden, was als "olympisch" in diese Rechnung aufgenommen wurde und welche Ausgaben es auch ohne Olympia gegeben hätte. Im russischen Sotschi musste für die Winterspiele praktisch alles neu errichtet werden, Sporthallen, Skipisten, Hotels, Autobahnen, Flughafenausbau. Peking konnte diesmal ein wenig einsparen, weil Gebäude der Sommerspiele auf Winterverwendung umgerüstet wurden.

Auch Österreich wirbt in China

Aber die olympischen Wintersportanlagen in Zhangjiakou und Yanqing wurden in die unbebaute Landschaft gewuchtet. Schnellzugverbindungen und Autobahnen können als allgemeine Infrastruktur verbucht werden, die Nachnutzung ist hier gesichert. Außerdem verschränkt Peking etliche Ausgaben für Olympia mit dem allgemeinen Programm zur Armutsbekämpfung, die in China oberste politische Priorität hat. Neue Dienstleistungsjobs, neue Infrastruktur für Tourismus, das kommt vermutlich alles in die nacholympische Nutzenrechnung.

"Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung solcher Großveranstaltungen wird generell überschätzt", sagt der Chefvolkswirt Ulrich Kater von der deutschen Deka-Bank, "weil sie meistens auch in großen Ländern stattfinden, wo sich das Ereignis dann im gesamten Wirtschaftsgeschehen doch verläuft." Außerdem entfallen diesmal wie auch im vergangenen Sommer in Tokio die Einnahmen aus dem Tourismus und aus dem Ticketverkauf. Nicht zu vergessen die gesteigerten Ausgaben für die Pandemiebekämpfung.

In Peking hatte man sich große Hoffnungen gemacht für den Tourismus. Wintersport ist Neuland für China, dennoch präsentiert die Staatspropaganda das Land als Traumdestination für Wintersportler. Das Coronavirus und die Schließung der Grenzen haben diese Pläne obsolet gemacht. Der Tourismus-Stopp gilt natürlich in beiden Richtungen, was auch Österreich zu spüren bekommt.

Dennoch will die Österreich-Werbung chinesischen Skifahrern weiterhin Österreich als Wintersportdestination schmackhaft machen. Für die Zeit nach der Pandemie, die derzeitige Durststrecke überbrückt man mit Werbe-Kampagnen im Internet und auf den sozialen Medien. Österreichs Handelsdelegierter in Peking, Michael Berger, sieht bereits Licht am Ende des Tunnels. Die Exporte nach China sind im ersten Pandemiejahr 2020 um 14 Prozent gesunken, in den ersten 10 Monaten 2021 aber wieder um 25 Prozent gestiegen. Immerhin konnte Österreich laut Berger in den vergangenen vier Jahren Wintersportgüter und Wintersport-Know-how im Wert von 200 Millionen Euro nach China exportieren. Olympia wirkte da wie ein Booster.

Xi mit (über)ehrgeizigen Zielen

Marko Asanovic hält für das mittelständische Tiroler Unternehmen AST die Stellung in China, wo man auch nach Olympia Kunsteisbahnen verkaufen will. "Es ist enorm hilfreich, wenn man Olympia-Projekte vorweisen kann, das kann Türen öffnen", sagt Asanovic.

Dieselbe Erfahrung macht der Seilbahn-Gigant Doppelmayr aus Vorarlberg. Der Weltmarktführer hat vierzehn Seilbahnen und Sessellifte für Peking 2022 errichtet, sagt Doppelmayrs Vertreter in China, Christian Wilhelm, die Auftragslage sei auch für die Zeit nach Olympia, vor allem für Anlagen im Sommertourismus.

Seit Ausbruch der Pandemie lebt der chinesische Tourismus ausschließlich von der Binnennachfrage. Chinesinnen und Chinesen dürfen oder wollen nicht ausreisen, also fährt man im eigenen Land ein wenig Ski. 300 Millionen chinesische Wintersportler hat Präsident Xi Jinping als Ziel vorgegeben. Ein ambitioniertes Ziel, da muss man schon wirklich jede Person mitrechnen, die auch nur einmal auf Skiern steht.

Skisport hat in China keine Tradition, man probiert es aus im Urlaub, aber regelmäßig Ski fahren mit der eigenen Ausrüstung, das ist die Ausnahme. Dennoch hofft Österreichs Ski-Industrie, in China demnächst bis zu 400.000 Paar Ski im Jahr absetzen zu können, ein Markt, der etwa so groß wie jener Österreichs oder Frankreichs wäre. Derzeit gibt es etwa 13 Millionen Skifahrer in China, die aus 750 meist kleineren Skigebieten mit drei bis vier Liften auswählen können. Ein Wochenende in einem Skiressort der gehobenen Klasse kostet ähnlich viel wie im Alpenraum, ist also nicht billig. Aber die vermögende Mittelschicht wächst, mit ihr die Hoffnung auf einen nacholympischen Boom. Doch alle hochtrabenden Wirtschaftsträume werden für China unerfüllt bleiben, wenn sich das Umfeld dieser Spiele nicht verbessert. Der Imageschaden durch die harsche Behandlung der Sportler wegen der Pandemie, der diplomatische Boykott wegen der Menschenrechtslage - so haben sich die Planer in Peking die Spiele sicher nicht vorgestellt.

Josef Dollinger ist China-Korrespondent des ORF in Peking.