Wahrscheinlich werden dieser Tage die Bewohner von St. Moritz, Oslo und München noch einmal froh darüber sein, dass die Olympischen Winterspiele 2022 nicht bei ihnen stattfinden. Statt eines beschwingten, völkerverbindenden Sportfestes an den traditionellen Stätten des Wintersports hätte man dystopische Szenerien in hermetisch abgeriegelten Corona-Hochsicherheitszonen erlebt, die genau das Gegenteil dessen leisten, was damals die Vorstellung war - nämlich die olympische Idee am europäischen Kernmarkt neu zu beleben. Doch nach der Putin’schen Gigantomanie von Sotschi 2014 war den potenziellen europäischen Kandidaten gehörig die Lust an den fünf Ringen vergangen; in einer in der olympischen Geschichte beispiellosen Absageflut zogen gleich sieben mögliche Ausrichterstädte (vor allem wegen negativer Bürgerentscheide) zurück - und somit gingen die XXIV. Olympischen Winterspiele letztlich nach Peking. Als erste Stadt, die nach Sommer- (2008) auch Winter-Olympia austrägt.

Hirschers "halt ein Rennen"

Für die Akteure, die es zu normalen Zeiten gewöhnt sind, in Kitzbühel vor 50.000 Fans ins Ziel zu springen, in Oberstdorf eine volle Arena "Zieh!" schreien zu hören oder am Holmenkollen an campierenden Menschenmassen vorbeizuskaten, mag das der nächste Nackenschlag gewesen sein; denn beim Vierjahreshöhepunkt schon wieder von einigen herangekarrten Grüß-Augusten an entlegenen Wettkampforten zwangsbeschallt zu werden, das gab es schon in Sotschi und 2018 in Pyeongchang. Das Wort von Marcel Hirscher als frischgebackener Olympiasieger hallt immer noch nach: "Wir sind hier irgendwo, es sind keine Leute und fahren halt ein Rennen. Klar, der ideelle Wert ist natürlich unbeschreiblich groß, und viel größer ist er in der Außenwirkung auch noch." Olympia-Gold kommt ganz als Erstes in jede Sportler-Biografie, die Medaille wandert in den Trophäenschrank - aber das olympische Feuer im innersten Sportlerherzen, das lodert nicht wirklich.

Matthias Mayer könnte in Peking sein drittes Olympia-Gold holen. - © afp / Martin Bernetti
Matthias Mayer könnte in Peking sein drittes Olympia-Gold holen. - © afp / Martin Bernetti

Olympia als "halt ein Rennen". Doch in der Pandemie und erst recht bei Winterspielen zum Zeitpunkt einer Höchstinzidenz-Omikron-Welle in Europa hat sich dieses Lamento fundamental gedreht. Um die Stimmung geht es schon lange nicht mehr, Sicherheit ist das oberste Prinzip in einer jeden Sportart. So gesehen ist China mit seinen effizienten Überwachungsmethoden fast der perfekte Ort für Olympia anno 2022. Dort, wo das Virus seinen Ausgang genommen hat, wird mit aller Gewalt und allen Mitteln versucht werden, der Welt zu zeigen, dass nur das kommunistische Regime in der Lage ist, einen derartigen Hochseilakt zu bewerkstelligen. Immerhin gelten die Winterspiele als drittgrößtes Sportevent der Welt. Tatsächlich erfährt das olympische Motto angesichts des rigorosen Zero-Covid-Regimes eine ganz neue Bedeutung: Dabei sein ist alles! Oder wie es Skirennläuferin Cornelia Hütter treffend zusammenfasste: "Bei Olympia zählt diesmal nicht nur die sportliche Leistung, sondern auch der negative Test. Wenn du es nach China schaffst, hast eh schon gewonnen."

Auch Anna Gasser verteidigt olympisches Gold - in Pyeongchang gewann sie im Big Air. - © epa-efe / Diego Azubel
Auch Anna Gasser verteidigt olympisches Gold - in Pyeongchang gewann sie im Big Air. - © epa-efe / Diego Azubel

Die tägliche Test-Gefahr

Die sportliche Leistung mag zählen, um das Ticket für den Peking-Flieger zu ergattern - doch um in diesen dann auch einsteigen zu dürfen, braucht es für Österreichs Sportler außer einem Impfnachweis auch zwei negative PCR-Tests innerhalb von 96 Stunden. Kaum in Peking gelandet, folgt auf dem Flughafen der nächste Test - und so weiter und so fort. Und zwar täglich. Höher, schneller, weiter - und auch sicherer. Wobei es den Chinesen nicht nur darum geht, Massenausbrüche in den in Blasen verorteten olympischen Dörfern und Wettkampfstätten (wo nur einheimische Fans in limitierter Zahl erlaubt sind) zu verhindern, sondern auch, dass Corona nach den Spielen nicht wieder zu einem Problem für die Volksrepublik wird. Epidemiologen sprachen zuletzt in Staatsmedien von der "ersten echten Schlacht" gegen Omikron in China.

Den tausenden Sportlern (aus 91 Nationen), die gewiss Entbehrungen gewöhnt sind, wird damit ein nie dagewesenes Prozedere aus Enthaltsamkeit und Disziplin in einem körperlichen und psychischen Ausnahmezustand abverlangt. Abschottung von Familie und Freunden sowie strategische Wettkampfpausen im Vorfeld, permanentes Maskentragen, dazu der Teststress mit dem Damoklesschwert eines positiven (oder nur falsch-positiven) Befundes. Denn wer jetzt positiv ist, der fliegt - und fliegt vor allem nicht mit nach China. Am Freitag, vor dem ersten Charter der Österreich-Delegation, erwischte es mit Teresa Stadlober (Langlauf), Katharina Gallhuber (Ski) und Katrin Beierl (Bob) drei Sportlerinnen, die wegen unklarer Ergebnisse nicht mitdurften. Vorerst und aus Sicherheitsgründen.

Dass man angesichts dieser Umstände auch noch sportliche Höchstleistungen erbringen soll, gereicht da fast schon zur Mission impossible. Dabei gewinnt bei Olympia meist der, der befreit an die Sache heranzugehen und den immensen Druck auszublenden vermag. "Es muss einem wirklich alles egal sein", appellierte auch der Surf-Olympiasieger von Sydney und nunmehrige ÖOC-Delegationschef, Christoph Sieber, an alle rot-weiß-roten Teilnehmer.

"Abführen" in die Quarantäne

Egal, dass für einen bei einem positiven Test in Peking nicht nur plötzlich Olympia perdu ist, sondern die Behörden einen prompt "abführen", wie Biathlet Simon Eder meinte; der darob wie alle Kollegen eine Quarantäne-Tasche für den Ernstfall immer mit dabei haben wird. Schließlich wartet dann strenge Quarantäne - man könnte auch Isolationshaft in einem Mini-Zimmer ohne Fensteröffnung sagen. Immerhin gebe es laut ÖOC-Präsident Karl Stoss die Zusage, dass das "ordentliche Zimmer" sein werden. Nachsatz: "Allerdings kann ich keine Garantie dafür übernehmen, was passiert, wenn es zu einem Massenausbruch kommt."

Damit wird man von 4. bis 20. Februar ganz genau hinsehen müssen, ob die Wettkämpfe auch nach sportlich fairen Kriterien ablaufen können oder das Ganze nicht im Chaos enden und zur Farce wird. Vor einer "absoluten Farce" warnte jüngst der deutsche Ex-Skirennläufer Felix Neureuther. Vielleicht wird man sich seiner Worte noch erinnern müssen: "Es ist ein Leichtes, diese Spiele zu manipulieren. Wie geht es leichter, Konkurrenz auszuschalten als mit einem positiven Corona-Test? Keiner kontrolliert, wie die Tests kontrolliert werden", mahnte er. Immerhin - es wäre nicht das erste Mal in der (auch dunklen) olympischen Geschichte, dass Geheimdienste und andere Mächte einwirken. Und wir sind im China des Jahres 2022, wo sich Staatspräsident Xi Jinping aufschwingt, der neue Mao zu werden. Wie schnell ist der Corona-Test eines Sportlers positiv, der es gewagt hat, im vermeintlichen Schutz der fünf Ringe die nicht vorhandenen Menschenrechte in China anzuprangern? Tatsächlich ein Leichtes - jedenfalls in der Theorie.

Gedämpfte Propaganda

Allerdings schaffte die Pandemie auch eines, nämlich die befürchtete Olympia-Propaganda des roten Riesen einzudämmen. Nachdem 2008 der Versuch kläglich gescheitert ist, ein wenig frischen Wind nach Peking zu treiben, so dürfte nun zumindest die Kaperung der olympischen Idee durch die KP-Kader dem Corona-Kampf unterstellt sein. Ja, Xi meinte sogar, ihm sei es "egal, wie viele Goldmedaillen chinesischen Athleten gewinnen"; wichtig sei es, durch Olympia mehr Chinesen zum Wintersport zu bringen. China ist freilich (noch) keine wirkliche Wintersport-Nation: Vor vier Jahren gab es bloß ein einziges Gold. Man wird sehen, ob diesmal mehr sportlicher Glanz auf den umstrittenen Veranstalter abfällt.