Vielleicht hätte sich der Westen viele Konflikte mit Russland erspart - wenn er nicht die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 boykottiert hätte. Diesen Gedanken äußerte zumindest Hugo Portisch in seiner Autobiografie "Aufregend war es immer".

Zahlreiche Gesprächspartner in Russland hätten ihm gesagt, dass die Spiele in Sotschi zeigen würden, wie der Westen die Motivation Putins oft falsch einschätze, berichtet Portisch. Demnach war das Milliardenprojekt eine Prestigefrage für Putin, er wollte damit "die Welt beeindrucken oder - wie er es wohl empfand - die Ehre, die Würde und das Ansehen Russlands wiederherstellen". Doch westliche Politiker haben damals die Spiele aufgrund der Unterdrückung der Opposition boykottiert. "Ich weiß es nicht, aber ich denke mir, wenn alle Regierungschefs der EU nach Sotschi gekommen wären, Putin also ,Ehre und Ansehen‘ erwiesen und mit ihm gesprochen hätten, hätte er es vielleicht nicht gewagt, die Krim zu besetzen", schreibt Portisch.

"Macht uns nur stärker"

Ähnlich stellt sich die Lage nun vor Peking dar: Auch hier handelt es sich für die Gastgeber um ein Prestigeprojekt. "Die Ausrichtung der Olympischen Spiele gibt China die Möglichkeit, sich als neue Weltmacht zu präsentieren", analysiert Katja Drinhausen vom "Mercator Institut für China-Studien (MERICS)". "Schon allein die Ressourcen und Logistik, die erforderlich sind, um nach den Sommerspielen in 2008 nun die Winterspiele in Peking auszurichten, sind enorm."

Und auch hier wird es nun einen diplomatischen Boykott geben. Angestoßen wurde er von den USA, angeschlossen haben sich mittlerweile Kanada, Australien, Großbritannien, die Niederlande und Dänemark, die alle keine hochrangigen Vertreter nach Peking schicken werden. Der Grund dafür ist die Menschenrechtslage. Genannt werden etwa die Verfolgung der Demokratiebewegung in Hongkong, die Unterdrückung der Tibeter oder die Vorgänge in der Provinz Xinjiang, wo China rund eine Million Angehörige der moslemischen Minderheit der Uiguren, die die Staatsführung unter einen kollektiven Terrorverdacht stellt, in Umerziehungslagern festhält.

Befürwortet wird dieser Boykott von einem Bündnis aus 243 NGOs. "Wenn die Welt eine solch katastrophale Menschenrechtssituation ignoriert, wird es für die Opfer noch schwieriger, für Gerechtigkeit zu kämpfen", sagt Renee Xia, Direktorin von Chinese Human Rights Defenders.

China selbst ist freilich erzürnt. Es fordert ein Ende der "Einmischung". Derartiger Druck werde das chinesische Volk nur noch mehr einen und das Land nicht daran hindern, stärker zu werden, verkündete Außenminister Wang Yi.

Trotz dieser Parallelen zu Sotschi ist die Lage doch auch wieder ganz anders, als sie Portisch für Russland dargestellt hat. Für China haben diese Spiele bei weitem nicht diese überladene Bedeutung, sie sind nur ein Stein in dem Puzzle, das China zur neuen Weltmacht macht. Dass die Volksrepublik das ist, beweisen nämlich ohnehin längst schon die geopolitischen und wirtschaftlichen Realitäten.

Europa hin- und hergerissen

Auch die Kritik des Westens ist nicht neu, weshalb die Auswirkungen beschränkt sein dürften. "Die Boykotte sind kein alleinstehendes Symbol, sondern folgen auf Stellungnahmen und vorangegangene Sanktionen der USA und der EU mit Blick auf die Situation in Xinjiang und Hongkong. Insofern waren die Beziehungen wie auch die Gesprächskanäle dadurch bereits eingeschränkt", meint Drinhausen.

Die meisten europäischen Staaten sind ohnehin hin- und hergerissen, wie sie sich verhalten sollen. Polen etwa schickt Präsident Andrzej Duda, um auch gleich vertiefende Gespräche mit China zu führen. In anderen Ländern wiederum zeichnet sich ein Mittelweg ab: Man entsendet niemand allzu Hochrangigen, spricht aber auch nicht von einem Boykott. So bezeichnete Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock ihr Fernbleiben als persönliche Entscheidung, und andere Politiker haben schon die Corona-Pandemie als Grund genannt, warum sie gerade jetzt nicht reisen wollen. Auch vonseiten Österreichs werden keine hochrangigen Politiker nach Peking reisen, einen politischen Boykott gibt es aber nicht.

Wobei China diese Spiele ohnehin nicht nur für den Westen ausrichtet. Sie sind auch ein Zeichen nach innen. Sportliche Erfolge und eine reibungslose Organisation sollen für die eigene Bevölkerung das Wiedererstarken Chinas widerspiegeln. Wenn es sogar gelingt, trotz Omikron mit nur wenigen Corona-Fällen durch die Großveranstaltung zu kommen, wird dies wohl von der Kommunistichen Partei wie schon der ganze Umgang mit Corona als Überlegenheit des eigenen Systems präsentiert werden.

Außerdem sieht sich China aufgrund seines beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwungs als Vorbild für Entwicklungsländer. Auch hier passt gut hinein, dass die Volksrepublik nun einen Kraftakt wie Olympische Spiele stemmt.

Trotz der Maßnahmen westlicher Staaten werden viele internationale Vertreter China ihre Aufwartung machen. Und ein Politiker hat sich schon auf die Seite Chinas gestellt: Wladimir Putin. Gemeinsam mit China "wehren wir uns gegen die Politisierung des Sports", sagte Russlands Präsident.