Es waren Bilder, die um die Welt gingen. Dreimal musste Österreichs Ski-Star Karl Schranz an jenem denkwürdigen 8. Februar 1972 auf den Balkon des Bundeskanzleramtes treten, um sich von seinen auf dem Ballhausplatz versammelten Anhängern bejubeln zu lassen. Wie ein Schauspieler seinem Premierenpublikum winkte er, von Fotografen und Fernsehleuten bedrängt, den Massen lächelnd zu, während am Boden die Polizei alle Hände voll zu tun hatte, um die Leute zurückzuhalten. Nur einer lächelte nicht: Bruno Kreisky. Die "Karli, Karli"-Rufe der Menschen und das Klicken der Kameras stießen ihn, den sonst so medienbewussten Bundeskanzler, ab. Wie hatte er sich nur in diese unangenehme Lage bringen lassen können?

Kreiskys Zurückhaltung blieb von seiner Umgebung freilich nicht unbemerkt. Wie Schranz vor kurzem in einem "Profil"-Interview erzählte, habe er den SPÖ-Politiker erst auffordern müssen, auf den Balkon zu kommen. Und glaubt man Hugo Portisch, soll auch der damalige ORF-General Gerd Bacher Druck gemacht und ihm zugerufen haben, mit dem Skifahrer auf den Balkon zu treten. "Das wollte der Kreisky eigentlich nicht. Aber er hat es dann doch getan, und die Massen unten haben ihm zugejubelt", berichtete Portisch. "Wahrscheinlich ist da bei ihm das Bild aufgetaucht, wie der Seyß-Inquart im März 1938 auf dem Balkon des Kanzleramtes erschienen ist. Und unten standen die Nazis und haben gejubelt." Zwei Tage nach der Machtergreifung der österreichischen Nationalsozialisten zog Hitler triumphal in Wien ein und verkündete am Heldenplatz den "Anschluss". "Da ist ihm die Ganslhaut gekommen, dem Kreisky, wie man die Menschenmassen mobilisieren kann", so Portisch.

1969 triumphierte Schranz bereits im Gesamtweltcup. - © apa / Photopress
1969 triumphierte Schranz bereits im Gesamtweltcup. - © apa / Photopress

Tatsächlich war den Menschen, die Schranz zujubelten, gar nicht richtig zum Feiern zumute. Anlass für diese Demonstration vor 50 Jahren, die immerhin als eine der größten der Zweiten Republik in die Geschichte eingehen sollte, war nicht ein "Anschluss", sondern ein "Ausschluss" gewesen - nämlich der des dreifachen Weltmeisters und Gesamtweltcupsiegers von den Olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo. Als Favorit auf eine Goldmedaille in Abfahrt, Slalom und Riesenslalom war er wenige Tage zuvor nach Japan abgeflogen. Um dann wie ein geprügelter Hund kurz darauf die Heimreise anzutreten. An den Papieren lag es nicht, auch nicht an einem fehlenden Impfzertifikat. Das Corpus Delicti war ein ganz anderes - kaum größer als eine Postkarte und zeigte das Werbelogo eines Kaffeeproduzenten. Schranz hatte es kurz zuvor anlässlich einer Benefiz-Sportveranstaltung auf dem T-Shirt getragen.

Feindbild Brundage

Und das war laut der bei Olympia seit jeher geltenden Amateurregel damals verboten. Vermutlich hätte die Wächterin dieser Regel, das Internationale Olympische Komitee (IOC), davon nie etwas erfahren, wäre der Organisation nicht ein Foto mit Schranz’ Kaffeepickerl zugespielt worden. Was offenbar als Intrige begann, mündete in einen Skandal. Das IOC hielt unter seinem damaligen Präsidenten, dem Texaner Avery Brundage, nämlich beinhart daran fest, dass Olympia-Sportler Amateure sein müssen und daher mit ihrem Sport kein Geld verdienen dürfen. Der Spitzensport sei dazu da, trommelte der IOC-Boss, um den Charakter zu bilden, aber nicht das Konto zu füllen. Nun war diese Lehrmeinung damals nicht unumstritten, das hinderte aber Brundage nicht daran, seiner Linie treu zu bleiben. So hatte er etwa schon bei den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles Anteil daran gehabt, dass der finnische Läufer Paavo Nurmi ausgeschlossen wurde, als ruchbar geworden war, dass er angeblich eine finanzielle Entschädigung bekommen hatte.

Was für Nurmi 1932 galt, hatte daher 40 Jahre später auch für Schranz zu gelten. Der Österreicher war schon in Japan und bereitete sich auf seinen Einsatz vor, als ihn die Nachricht von seinem Ausschluss durch das IOC erreichte. Die Mannschaft erklärte sich sofort solidarisch und bot an, gemeinsam mit ihrem Kollegen abzureisen. Schranz wollte das nicht. Einen Tag später trat er vors Mikrofon, las stockend von einem Zettel ab, er wisse, wie viel Training hinter der Vorbereitung jedes Einzelnen stecke und dass er das nicht auf sich nehmen wolle, dass nun alle nicht antreten könnten. Verbittert machte er sich alleine auf den Weg zum Flughafen. Mehr noch als der Ausschluss schmerzte ihn die Tatsache, dass rund 20 Spitzensportler aus Frankreich, Italien, Österreich und Deutschland in Sapporo antreten durften. "Von denen war keiner Amateur", meinte er nicht zu Unrecht.

Vom Minister abgeholt

In Österreich wurde Schranz auf dem Flughafen Schwechat von tausenden Anhängern und Schaulustigen frenetisch jubelnd empfangen. Im Wagen des Unterrichtsministers Fred Sinowatz fuhr er den Rennweg entlang - die A4 wurde erst im Juli 1986 eröffnet - nach Wien und grüßte aus dem offenen Schiebedach die auf den Gehsteigen dicht an dicht zusammengedrängten Fans. Zufall war das freilich nicht. Wie Portisch in seinen Erinnerungen berichtet, soll die Idee für diesen Empfang, der als "Schranz-Rummel" in die Geschichte eingehen sollte, wieder niemand Geringerer als der ORF-Chef gehabt haben. Kreisky sollte das Bacher nicht so schnell verzeihen. "Gottseidank, dass das alles nur für einen Sportler gemacht wird, und nicht für einen Politiker", soll er gemeint haben. "Es läuft ja einem der kalte Schauer den Rücken hinunter."

Den 1938 geborenen Schranz hingegen bewegten an jenem 8. Februar ganz andere Gefühle. Kurze Zeit später beendete er seine Karriere. Sein Vermächtnis aber bleibt; dass der nur zum Schein aufrechterhaltene Amateurstatus durch seine Disqualifikation nun in der Öffentlichkeit thematisiert wurde. Tatsächlich sollten aber noch einige Jahre bis zur Klärung des Problems vergehen. Die Amateurregel fiel 1981 auf dem XI. Olympischen Kongress in Baden-Baden.