Ausgerechnet in einer der trockensten Regionen der Erde finden die Olympischen Winterspiele 2022 statt. Die Wüste Gobi reicht fast bis vor die Tore von Peking, das 180 Kilometer nördlich gelegene Zhangjiakou ist dem Wüstengürtel noch näher. Im Winter gibt es in der Gegend wochenlang kaum Niederschlag und nahezu keinen Schneefall - allerdings fielen am Dienstag kurz vor der Winterolympiade (4.-20. Februar) einige Zentimeter echtes Weiß vom Himmel. Dennoch: Die notwendige, enorm energieaufwendige Kunstschnee-Produktion führt für Kritiker das Bild der "nachhaltigen Spiele", wie sie das KP-Regime propagiert, ad absurdum.

Das Wüsten- und Steppenklima ist vor allem durch eine extreme Trockenheit gekennzeichnet. Diese Voraussetzung machen Winterspiele in diesen Gefilden bereits in der Theorie zweifelhaft, weil tonnenweise Kunstschnee notwendig ist, dessen Produktion Unmengen von Wasser und Strom verschlingt. Dabei herrscht in Peking und Umgebung ohnehin bereits Wassermangel. "Die Wasserverfügbarkeit ist eine der niedrigsten in ganz China", erklärt Carmen de Jong von der Universität Straßburg.

Peking 2022 werden die ersten Winterspiele mit 100 Prozent Kunstschnee. Dieser wird im winterlichen Hochleistungssport zwar überall eingesetzt - auch auf der Streif in Kitzbühel. Jedoch ist in den meisten Fällen in Europa und Nordamerika eine natürliche Schneedecke in der Umgebung vorhanden, die in Peking und den angrenzenden Provinzen großteils fehlt. Der Bedarf an Kunstschnee ist Schätzungen zufolge drei- bis viermal so hoch wie bei einem alpinen Austragungsort, auch weil der Wind viel von dem maschinell erzeugten Pulver sofort verweht. Für Umweltschützer und Wissenschafter war das Versprechen von einem grünen Großereignis daher von Anfang ein Trugbild.

Winterspiele in einer Gegend mit extremer Wasserknappheit auszurichten, sei aus einer Umwelt-Perspektive schlicht nicht vertretbar, meint de Jong, die als Hydrologin unter anderem zu Klima-Aspekten des Wintersports forscht. "Ich bin der Meinung, dass es die unnachhaltigsten Spiele aller Zeiten sind", sagte sie der APA. De Jong berechnete den Wasserverbrauch für die Kunstschnee-Abdeckung aller Wettkampfstätten 2022 und kam auf eine fast irrwitzige Zahl: 2,5 Milliarden Liter seien für die Produktion notwendig.

Die Peking-Macher beharren zum einen auf der "objektiven Notwendigkeit" von Kunstschnee, "um große internationale Wettkämpfe zu garantieren", wie das Organisationskomitee ausführt. Zum anderen werde nur ein kleiner Prozentsatz des lokalen Wasserkonsums verwendet. Der Strom für die Schneekanonen komme fast gänzlich aus erneuerbaren Energiequellen; Windräder und Solarzellen seien in der Region installiert worden.

Sündenfall Albertville 1992

Dass der hohe Energiebedarf wirklich allein mit grünem Strom und vorhandenen Wasserreserven gedeckt werden kann, bezweifeln Experten aber. Problematisch ist auch, dass der Großteil des Wassers aus dutzenden von Kilometern entfernten, in Tälern gelegenen Reservoirs in die Berge gepumpt werden muss. "Das sind gigantische Energiemengen, die dafür benötigt werden", so de Jong. Hinzu kommt, dass in Yanqing eigentlich ein Naturschutzgebiet war. Großflächig wurde dort Wald gerodet, Boden sowie Vegetation zerstört. Die Organisatoren der Spiele kündigten an, als Ausgleich für die Umweltschäden neue Bäume pflanzen zu wollen.

Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass heutzutage fast alle Winterspiele - egal wo sie ausgetragen werden - den Kriterien von Nachhaltigkeit nicht entsprechen würden. "Im Winter ist es natürlich noch schwieriger, nachhaltig zu sein, wegen der Energie für Beschneiung, dem Umbau von Landschaften, Entwaldung, Pistenbau. Das ist ein ganz anderer Eingriff in die Natur", betont de Jong.

Den olympischen Sündenfall gab es freilich einst in Europa - mit den Spielen 1992 in Albertville. Als etwa die Abfahrtsrennstrecke aus dem Berg gesprengt wurde und den Sprungschanzen in Courchevel 5.500 Bäume zum Opfer fielen; die Kunsteisbahn in La Plagne verschlang Millionen, hatte aber danach nur drei Weltcup-Rennen zur Folge.(apa/may)