Als Matthias Mayer vor fast genau acht Jahren im Zielraum von Rosa Khutor abschwang, der Einser aufleuchtete und auch am nächsten Tag noch die Olympia-Goldene in der Königsdisziplin auf dem Nachtkasterl lag, dachte er nicht nur an den wahr gewordenen und gebliebenen Traum ("Da ist mir ein g’scheiter Schauer durch den Körper gegangen"), sondern auch an seine Zukunft im Ski-Rennsport. Denn wer sich im zarten Alter von 23 Jahren und mit dem ersten Sieg überhaupt schon in den Ski-Olymp katapultiert, muss mit der Last dieses Triumphs erst einmal fertig werden. Also sprach der Afritzer: "Ich weiß, dass ich mit Olympia-Gold einen Riesenbrocken erledigt habe. Aber ich habe noch sehr viel Arbeit vor mir und möchte mich noch deutlich weiterentwickeln."

Anders als so manches olympische One-Hit-Wonder hat sich Mayer hernach tatsächlich steigern und als Fixgröße im Abfahrtszirkus etablieren können. Und als solche kann er in der Olympiaabfahrt am Sonntag (4 Uhr MEZ) Sportgeschichte schreiben.


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Denn in der fast ein Dreivierteljahrhundert währenden Historie der olympischen Abfahrtsläufe konnte sich noch nie ein und derselbe Fahrer zwei Mal in die Siegerliste eintragen. Von Henri Oreiller (1948) über Toni Sailer (1956), Bernhard Russi (1972), Franz Klammer (1976), Fritz Strobl (2002) bis zu Aksel Lund Svindal (2018/bereits zurückgetreten) - keiner dieser Größen gelang es, den begehrtesten Titel im Skirennsport zu wiederholen. Doch Mayer wäre nicht nur der Erste, der dieser Coup im Peking 2022 schaffen könnte, er wäre im Falle einer Goldmedaille auch der erste (männliche) Skifahrer, der von drei aufeinanderfolgenden Winterspielen mit Gold heimkäme. Nach seinem Triumph 2014 in Sotschi raste der Kärntner vier Jahre später in Pyeongchang zu Gold im Super G. Der einzige Österreicher mit dreimal Olympia-Gold ist bekanntlich Sailer, alle gewonnen in Cortina; Spitzenreiter Kjetil Andre Aamodt errang seine vier Olympia-Titel zwar zwischen 1992 und 2006 - allerdings mit einer Durststrecke von einer Dekade. Das olympische Gold-Triple schaffte bisher bei den Damen lediglich Deborah Compagnoni, die ein Mal Super-G- (1992) und zwei Mal Riesentorlauf-Gold (1994/98) gewinnen konnte.

Tatsächlich ist der 31-jährige Mayer - mittlerweile im besten Speed-Alter - der Mann für die fünf Ringe. Denn so unglaublich seine Goldsträhne bei Winterolympiaden ist, so unerklärlich sind auch seine Misserfolge bei alpinen Titelkämpfen. Es ist fast schon ein Kunststück, dass ein Athlet mit seinen Fähigkeiten, bei gleich fünf Weltmeisterschaften ohne Edelmetall abreisen musste. Der Blechrang beim WM-Super-G in Vail 2015 war für ihn bisher das Höchste der Gefühle; entweder wollte er den Erfolg erzwingen und agierte zu verkrampft oder er riskierte zu viel und schied aus. Wie vor einem Jahr bei der WM-Abfahrt in Cortina mit bester Zwischenzeit.

Auch im Ski-Weltcup konnte Mayer seine olympische Form nie konstant auf den Berg bringen: Für eine kleine Kristallkugel reichten seine 11 Weltcupsiege und 43 Stockerlplätze bisher nicht aus - immerhin rangiert sein Triumph auf der Streif anno 2020 gleich hinter den beiden Olympia-Siegen. All das freilich keine Selbstverständlichkeit nach seinem Horrorsturz auf der Grödner Saslong im Dezember 2015, der mit einem Wirbelbruch insofern noch glimpflich endete, als der damals neue Airbag wohl schwerere Verletzungen verhinderte. Es sollte aber dauern, bis er sich wieder voll ans Limit wagen konnte. "Der Sieg in Sotschi war etwas Unbeschreibliches. Dieser jetzt ist etwas anders, weil ich so hart gearbeitet habe, um zurückzukommen. Wie viele Stunden bin ich nicht auf der Piste verzweifelt, weil ich dachte, ich komme nicht mehr vom Fleck!", meinte er nach seinem zweiten Olympia-Sieg vor vier Jahren.

Mayer und Maier

Mayer, der als Abfahrtssieger von Lake Louise in Yanqing logischerweise zum Favoritenkreis zählen muss, wandelte schon in Pyeongchang auf den Spuren zweier Namenskollegen: Matthias’ Vater Helmut Mayer hatte 1988 in Calgary mit Silber erstmals Super-G-Edelmetall für Österreich geholt. Zehn Jahre später war es Hermann Maier, der in seiner Paradedisziplin erstmals in dieser Disziplin Gold für Rot-Weiß-Rot errang. Schlägt "Mothl" am Sonntag oder am Dienstag beim Super G wieder zu, hat er tatsächlich auch den Herminator überflügelt.