Eigentlich hätte ja das Internationale Olympische Komitee der japanischen Stadt Sapporo spätestens im Frühjahr 1938 die Austragung der für 1940 geplanten fünften Olympischen Winterspiele entziehen müssen. Erst Anfang des Jahres war der deutsche Kaufmann John Rabe aus China nach Europa zurückgekehrt und hatte die Öffentlichkeit mit grausamen Berichten über das "Massaker von Nanking" schockiert. Sechs Wochen lang hatten japanische Truppen in der kurz zuvor eroberten chinesischen Hauptstadt gewütet, vergewaltigt und gemordet. Bis zu 200.000 Menschen sollen dem Massaker zum Opfer gefallen sein. Allein das IOC regierte nicht und wartete ab, bis Japan die Spiele im Juli 1938 aus freien Stücken zurückgab. Das heißt, so freiwillig war der Rückzug nicht. Kurz zuvor hatte Tokio Soldaten an die mandschurisch-sowjetische Grenze verlegt, weniger als tausend Kilometer Luftlinie von Sapporo entfernt. Das wurde selbst dem Japanischen Olympischen Komitee wohl zu heiß.

Damit war freilich auch der Traum von Olympia im eigenen Land vorerst vorbei. Dabei war die erstmalige Vergabe von Winterspielen nach Ostasien als Sensation gefeiert worden. Allein im österreichischen Skiverband hielt sich die Trauer über die Absage und die erneute Verlegung der Spiele nach Garmisch, das schon 1936 Gastgeber gewesen war, in Grenzen, zumal die alpinen Skifahrer in Sapporo aufgrund eines Streits zwischen IOC und Ski-Weltverband um den Amateurstatus nicht antrittsberechtigt gewesen wären. Letztlich waren sie das dann auch in den bayerischen Alpen nicht, weshalb auch die österreichischen (und dann ostmärkischen) Medaillenanwärter Wilhelm Walch und Eberhard Kneisl ihre Latten ins Eck stellen mussten. So wie Japan eineinhalb Jahre zuvor sagte auch das Deutsche Reich im November 1939, kurz nach dem Angriff auf Polen, die Winterspiele in Garmisch kriegsbedingt ab. Nach dem Krieg sollte das IOC die Wettbewerbe nicht mehr an Deutschland vergeben, und auch für Kriegsverlierer Japan sah es zunächst nicht viel besser aus.

Kosten von 2,1 Milliarden Euro

Jedenfalls ging die erste Olympia-Bewerbung für Sapporo nach dem Krieg gründlich schief. Nicht nur hatten neben der japanischen Hafenmetropole gleich fünf andere Städte für die Winterspiele 1968 genannt, auch erreichte man trotz überzeugender Unterlagen im ersten Wahlgang lediglich den vierten Platz - nach Grenoble, Calgary und Lahti, aber immerhin noch vor Oslo und Lake Placid. Den Zuschlag erhielt zuletzt Grenoble, die Abstimmung selbst fand einen Tag vor Eröffnung der Winterspiele 1964 in Innsbruck statt. Japans Olympia-Komitee durfte sich wenigstens damit trösten, in jenem Jahr in Tokio die Sommerspiele ausrichten zu können. Aber es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch die Spiele und Sapporo zum Zug kämen, hieß es. Tatsächlich wurde die Bewerbung für 1972 zwei Jahre später in Rom auf Anhieb angenommen, und zwar mit dem Respektabstand von 16 Punkten gegenüber dem kanadischen Rivalen Banff.

Nun, so überraschend kam der Zuschlag für Sat Poro (deutsch: "großer trockener Fluss"), wie die Stadt in der Sprache der lokalen Ainu heißt, auch wieder nicht. Im Grunde war die Entscheidung des IOC, auch die Winterspiele endlich nach Asien zu bringen, längst überfällig gewesen. Und die Japaner ließen sich nicht lumpen. Nicht nur wurden alle Sportanlagen in der Millionenstadt neu errichtet oder umgebaut, auch wurden sie sehr zentral, also in einem Umkreis von maximal 15 Kilometern angelegt, wobei Sapporos Hausberg Teine (1.023 Meter) mit dem 50.000 Sitzplätze umfassenden Olympia-Stadion im Stadtteil Makamanai den Mittelpunkt bildete. Lediglich die Abfahrtspiste der Alpinen auf dem 1.320 Meter hohen Vulkan Eniwa erforderte eine längere Anfahrtszeit. Die Kosten für Sportstätten, In-frastruktur und das olympische Dorf betrugen 218 Milliarden Yen, umgerechnet 2,1 Milliarden Euro. Im Vergleich zu heute war das noch billig.

Schuba holt Gold, Schranz fehlt

Die feierliche Eröffnung der sechsten Olympischen Winterspiele fand am 3. Februar im Makamanai-Stadion statt. Rekordspiele sollten es diesmal nicht werden. Insgesamt waren 35 Länder mit 1.008 Athletinnen und Athleten in der Stadt vertreten, das waren um zwei Länder und 150 Teilnehmer weniger als in Grenoble, was unter anderem auf die hohen Reisekosten zurückgeführt wurde. Zahlenmäßig am stärksten vertreten waren in Sapporo die Westdeutschen (79), dicht gefolgt von der Sowjetunion (76) und Norwegen (66). Österreich schickte 40 Teilnehmer, allerdings wurde die größte Medaillenhoffnung, der Ski-Star Karl Schranz, wegen des angeblichen Verstoßes gegen den Amateurstatus vom IOC disqualifiziert und in die Heimat geschickt, wo ihm ein großer Empfang bereitet wurde. Für die einzige Goldmedaille sorgte dann, wenn auch wenig überraschend, die Eiskunstläuferin und amtierende Weltmeisterin Beatrix Schuba, zwei Silbermedaillen gingen an Annemarie Moser-Pröll sowie jeweils einmal Bronze an Wiltrud Drexel und Heinrich Messner.

Platz eins im Medaillenranking eroberte in Sapporo, nachdem man in Grenoble den Norwegern den Vortritt lassen musste, erneut die Sowjetunion mit insgesamt acht Gold-, fünf Silber- und drei Bronzemedaillen. Allein dreimal Gold ging aufs Konto der Skilangläuferin Galina Kolakowa, die allerdings später mit Dopingvorwürfen für Schlagzeilen sorgte und 1976 als erste gedopte Olympionikin in die Geschichte eingehen sollte. Dass es bei den erstmals flächendeckenden Urintests in Japan ausgerechnet den bundesdeutschen Eishockeyspieler Alois Schloder "erwischte", war für die Ostblockstaaten ein gefundenes Fressen. Vor allem die DDR-Presse protestierte laut und warf der "bundesdeutschen Schwadron" heuchlerisch vor, "dem olympischen Frieden ein Ende gesetzt" zu haben. Dabei war es vielfach genau umgekehrt, wie man heute nach Offenlegung des DDR-Staatsdopingsystems weiß. Das ostdeutsche Team holte in Sapporo 14 Medaillen.

Antreten zum Geschlechtstest

Tatsächlich waren die Dopingsünder nicht die Einzigen, die ins Visier der olympischen Kontrollorgane gerieten. Aus der Sorge darüber, dass bei den Frauen-Wettbewerben Hermaphroditen, also doppelgeschlechtliche Athleten, antreten könnten, wurden sämtliche Sportlerinnen im Olympischen Dorfes einem Abstrich-Test unterzogen. Anlass war wohl der Fall der österreichischen Skirennläuferin Erika Schinegger, die in Grenoble vier Jahre zuvor genetisch als Mann geoutet worden war. In Sapporo wurden nach Prüfung der Chromosomensätze keine Abweichungen festgestellt und die Teilnehmerinnen galten als "negativ" getestet. Derartige Kontrollen werden übrigens bis heute durchgeführt. Ob aktuell auch in Peking Frauen zum Geschlechtstest antreten mussten, ist nicht bekannt. Dort hat man vermutlich gerade andere Sorgen.