Bescheidenheit kommt einem nicht in den Sinn, wenn man in Peking die Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele beobachtet hat. Neue Wintersportanlagen vom Feinsten, die Organisatoren haben keine Kosten und Mühen gescheut, um den Gigantismus unter den fünf Ringen zu befriedigen. Umso überraschender daher die Worte des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping bei einem Treffen vor wenigen Tagen mit IOC-Chef Thomas Bach in Peking. "Mir ist es egal, wie viele Goldmedaillen die chinesischen Wintersportler diesmal gewinnen werden", sagte Xi, "ich interessiere mich mehr für die sportliche Motivation in der Zukunft."

Koketterie oder Realitätssinn? Mark Dreyer ist Experte für chinesischen Sport, für ihn kommt Xi Jinpings Aussage nicht überraschend. "Das chinesisches Narrativ für diese Spiele lautet: Wir sind im Wintersport nicht an der Spitze", erklärt Dreyer, "aber wir wollen uns verbessern." Wichtig sei die Etablierung des Wintersports in China auch nach den Spielen. Sportlich gesehen kommen diese Spiele für China zu früh, meint Dreyer, China sei damals bei der Vergabe 2015 selbst überrascht worden, weil alle europäischen Bieter ausgestiegen waren und nur mehr Almaty und Peking zur Wahl standen. 2022 - die Winterspiele, die keiner wollte.


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Chinas Staatschef Xi Jinping bei der Eröffnung. 
- © afp / Ben Stansall

Chinas Staatschef Xi Jinping bei der Eröffnung.

- © afp / Ben Stansall

Geplant hatte man in Peking mit Winterspielen frühestens 2030. "China kann im Wintersport noch nicht ganz vorne mitmischen", meint Dreyer, "vielleicht 2030 oder 2034 könnte es China unter die Top Fünf im Medaillenspiegel schaffen." Mark Dreyer lebt seit den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking und arbeitete als Sportreporter für mehrere Medien. Der Brite betreibt den "China Sports Insider"-Podcast und verfügt über einen guten Einblick in Chinas Sportszene. In seinem neuesten Buch (Mark Dreyer: "Sporting Superpower", Januar 2022) beschreibt er auch die Verquickung von Sport und Politik in China.

2014 tauchte in China ein politisches Dokument auf, in dem der Aufbau der weltgrößten Sportindustrie angekündigt wurde. Dieser politische Anstoß hat tatsächlich einen Entwicklungsschub im Profi- und auch im Amateursport Chinas ausgelöst, aber mittlerweile ist vor allem in den städtischen Mittelschichten ein trendiger Lifestyle das Hauptmotiv für die Sportausübung. Überall in den Großstädten wird gejoggt, geskatet, geradelt.

Die Covid-Strategie darf nicht gefährdet werden

Die Trennung von Politik, Sport und Wirtschaft ist China nicht möglich. Alles ist politisch, muss von der Partei akzeptiert werden. Bei den Olympischen Winterspiele in Peking betrifft das vor allem die Eröffnungs- und Schlussfeiern, das sind die politischsten Momente der Spiele. Hier führt nur China Regie, das IOC hat nur eine Nebenrolle. Auf die Wettbewerbe selbst hat China wenig Einfluss, da bestimmen das IOC und die jeweiligen Fachverbände.

Doch da gibt es noch anderes. Die harte Null-Covid-Strategie zieht China auch bei den Olympischen Spielen durch, alle Wettkämpfer, Trainer und Funktionäre müssen in der geschlossenen Olympia-Blase bleiben, das Virus - vor allem die ansteckende Omikron-Variante - darf auf keinen Fall nach außen dringen und die Null-Covid-Strategie Chinas gefährden. Für Peking auch eine Gelegenheit, um der Welt seine Überlegenheit in der Bekämpfung der Pandemie zu zeigen. Die Botschaft Pekings ist klar: Selbst wenn die Behandlung für die Betroffenen unangenehm ist, die chinesische Methode ist weltweit die einzige, die funktioniert. Da nimmt man auch einzelne Beschwerden von Sportlern in Kauf, Hauptsache das große Bild stimmt: China hat Covid unter Kontrolle!

Trotz aller Überlegenheitsgesten herrscht auch in Pekings Bevölkerung weiter Angst vor einem neuerlichen Aufflammen der Pandemie. Über zwei Jahre wurde der chinesischen Bevölkerung von der Staatspropaganda eingetrichtert, dass das böse Virus aus dem Ausland kommt - und jetzt soll sich die Bevölkerung plötzlich freuen, wenn tausende Fremde nach Peking strömen. Von Partystimmung in den Straßen Pekings so wie bei den Sommerspielen 2008 kann diesmal keine Rede sein.

Der Kampf gegen Corona ist ständiger Begleiter dieser Spiele. 
- © afp / Wang Zhao

Der Kampf gegen Corona ist ständiger Begleiter dieser Spiele.

- © afp / Wang Zhao

Die Stimmung in der 20-Millionen-Einwohner-Stadt schwankt zwischen Ängstlichkeit und Gleichgültigkeit, außerdem können viele Chinesen mit Wintersport einfach nichts anfangen. Staatspräsident Xi Jinping strebt in den nächsten Jahren die Zahl von 300 Millionen chinesischen Wintersportlern an, eine Zahl, die man nur mit Mühe, wenn überhaupt erreichen kann.

Warum ausgerechnet 300 Millionen? "Die drei schneereichen Provinzen im Nordosten Chinas haben zusammen 300 Millionen Einwohner", sagt Mark Dreyer, "vermutlich kommt diese Zahl daher. Aber man bemüht sich auch um Wintersportler in anderen Regionen des Landes."

Selbst im chinesischen Olympia-Team sind erstmals Sportler aus Tibet und aus der Uiguren-Region Xinjiang vertreten. Den Mangel an exzellenten Wintersportlern versucht China mit dem Abwerben aus anderen Bereichen zu beheben. Ein Turner, der nicht unter die Top 50 Chinas kommt, sattelt dann auf Ski-Freestyle um. Oder Langstreckenläufer und Ruderer auf Skilanglauf.

Ein ausländischer Trainer sollte für Peking 2022 vor Jahren ein Skeleton-Team aufbauen. Zum Casting erschienen mehr als tausend Jugendliche. Als sie sahen, worum es sich bei dieser Sportart handelt - kopfüber hinunter in den Eiskanal -, zogen sich fast alle Bewerber wieder zurück, der Trainer konnte nur mit Müh und Not ein 10-köpfiges Team formen. Für Dreyer ist dieser Top-Down-Ansatz das größte Problem für den chinesischen Sport: "Können solche Sportler jemals Gold gewinnen, Sportler, die umsatteln mussten und ihren neuen Sport womöglich gar nicht lieben?" Und dann wäre da noch die Versuchung der Einbürgerungen. China vergibt in der Regel keine Staatsbürgerschaften an Ausländer, aber für den Sport macht man Ausnahmen. Das chinesische Damen-Eishockey-Team besteht zur Hälfte aus eingeheirateten Kanadierinnen oder Amerikanerinnen. Auch im chinesischen Männer-Eishockey-Team sind 15 Ausländer vertreten, die meisten aus Kanada.

Die Frage der Doppelstaatsbürgerschaft

Unklarheit herrscht allerdings über Doppelstaatsbürgerschaften. Die sind in China eigentlich verboten, aber von den eingebürgerten Sportstars ist die Staatszugehörigkeit oft nicht bekannt. Bestes Beispiel dafür ist Freestylerin Eileen Gu. Die geborene US-Amerikanerin, Tochter einer chinesischen Mutter und eines amerikanischen Vaters, startet seit 2019 für China, lebt aber nach wie vor in Kalifornien. Als chinesische Staatsbürgerin könnte sie nicht ohne Visum und Aufenthaltsgenehmigung in den USA leben, also liegt der Verdacht nahe, dass sie auch die US-Staatbürgerschaft noch besitzt. US-Pass und chinesischer Pass? Weder sie noch die chinesischen Behörden haben sich dazu bisher öffentlich geäußert.

Eine heikle Frage, denn ausgerechnet die Freestylerin Eileen Gu - auf Chinesisch heißt sie jetzt Gu Ailing - hat gute Chancen auf drei Goldmedaillen. Gu Ailing könnte man auch in China wunderbar als chinesische Erfolgsgeschichte vermarkten. Sie lebt zwar in den USA, spricht aber perfekt chinesisch. Das dürfte auch Xi Jinping freuen.

Josef Dollinger ist Korrespondent des ORF in Peking.