Benjamin Karl ist eine Ausnahme-Entscheidung in zweierlei Hinsicht. Kaum ein anderer Sportler in Österreich polarisiert wie er, für viele gilt er ob der oft geübten Hervorhebung seiner Person sogar als arrogant. Auf der anderen Seite freilich stehen die sportlichen Erfolge des 36-Jährigen, diese wurden seinen nicht selten als hochtrabend angesehenen Ansagen meist gerecht. Mit dem Olympiasieg im Parallel-Riesentorlauf lieferte er am Dienstag nun aber sein Meisterstück. Dagegen geriet selbst Silber durch seine Kollegin Daniela Ulbing etwas in den Hintergrund.

Das in Secret Garden im Großraum Zhangjiakou bei den Winterspielen in China eingefahrene Gold sieht Karl als Endstation eines Lebensprojektes. Aus Wilhelmsburg nur wenige Kilometer von Sankt Pölten entfernt und damit aus keiner klassischen Wintersport-Gegend, ist der nunmehr fünffache Weltmeister bereits als Zehnjähriger dem Snowboard-Sport verfallen und hat sich damals den Wunsch nach dem Olympiasieg auf einen Zettel geschrieben. Es dauerte, bis er nun diesen Zettel zu den Akten legen darf. Doch schon der Weg dahin war mit zahlreichen Triumphen gepflastert, und fast scheinen diese nun als Steigleiter zum größtmöglichen Erfolg eines Athleten in einer olympischen Sportart.

Erst im Vorjahr hat sich Karl in Rogla in Slowenien mit seinem fünften WM-Titel auf dieser Ebene zum erfolgreichsten Sportler gekürt, nun ist er der einzige Parallel-Snowboarder mit einem kompletten Olympia-Medaillensatz. Mittlerweile ist Karl ein Urgestein im Snowboard-Getriebe, seit 2005 ist er im Weltcup dabei. Nur vier Jahre später krönte er sich in Gangwon in Südkorea erstmals zum Weltmeister, verteidigte seinen Slalom-Titel zwei Jahre danach in La Molina in Spanien mit Erfolg und doppelte da mit dem Riesentorlaufsieg nach. Auch bei den darauffolgenden Weltmeisterschaften 2013 in Stoneham gewann der Wahl-Osttiroler Riesentorlauf-Gold, WM-Gold Nummer fünf folgte eben im Vorjahr. Auf Olympia-Ebene nannte er Silber 2010 in Vancouver sein Eigen, 2014 in Sotschi wurde es Bronze. Den nunmehrigen Lienzer zeichnet es aus, dass er Herausforderungen liebt und sich so sehr in Aufgaben hineinkniet, bis er sie zu seiner Zufriedenheit löst. So ging er diese Saison das Projekt Olympia-Gold an. "Für mich gibt es heuer nur das eine Rennen - ich habe Weltcupsiege, ich habe Gesamtweltcup-Siege", hatte Karl im APA-Gespräch gesagt. "Was zählt und nur einmal in vier Jahren ist, ist Olympia. Auf das habe ich es auch ausgelegt. Ich glaube, ich habe keine Kräfte vergeudet."

Dabei legt er grundsätzlich selbst Hand am Material an, will für den Ausgang seiner Rennen zur Gänze selbst verantwortlich sein. "Die größte Arbeit und die größte Schrauberei ist bei mir immer der Schuh und die Bindung", betonte Karl, und diesmal griff er gleich zu einem gänzlich neuen Brett. Erst vor zwei Wochen habe er sich zum Markenwechsel entschieden und damit einen nach eigenen Angaben entscheidenden Puzzlestein zum Olympia-Sieg gefunden. Mit dem in der Tasche hat Karl in seinen ersten Interviews auch mal Emotionen gezeigt, Tränen flossen vor allem beim Dank an seine Familie. Ans Aufhören denkt er vorerst nicht. "Ich habe aber das Gefühl, es kann mir keiner mehr etwas wegnehmen.