Das olympische Gastgeberland China ist bisher nicht durch Erfolge im Wintersport aufgefallen. Das soll damit wettgemacht werden, dass man nun den historischen Ursprung des Skifahrens reklamiert. Ein kulturnationalistisches Vorgehen, das bei diversen Sportarten verfolgt wird. Endlich kommen die Skier zu ihrer Wiege zurück. Diese Botschaft übermittelt das im vergangenen Jahr eröffnete Samaranch Memorial Museum in Peking. Das Bildungszentrum, das offiziell dem einstigen IOC-Präsidenten gewidmet ist und insgeheim dem Nationalstolz Chinas dienen soll, fährt große Geschütze auf. Lange, schmale Holzbretter, die mit Fell bespannt sind, sollen in einer Vitrine das frühe Skifahren veranschaulichen. "Der Ursprung menschlichen Skis - Aletai", heißt es einen Moment später.

Aletai, auch als Altai bekannt, ist ein Gebirge, das sich in die nordwestchinesische Region Xinjang erstreckt, die zuletzt eher inmitten diverser Menschenrechtsverletzungen durch die chinesische Regierung in die Schlagzeilen geriet. Hier aber geht es nicht um das Fortkommen der dort lebenden Uiguren, sondern um Überlieferungen aus der Steinzeit. Malereien sollen belegen, dass in Altai erstmals Menschen auf Skiern ihre Beute jagten. Dabei ist das in China keine Neuigkeit mehr. Das von der Kommunistischen Partei kontrollierte "China Daily" titelte schon im Jahr 2006: "China hat das Skifahren erfunden." Anderswo mag diese Art der Geschichtsschreibung irritieren. Auch in Finnland, Norwegen, Schweden und Russland soll schon vor tausenden von Jahren auf Skiern gefahren worden sein. Überhaupt ist vorstellbar, dass überall dort, wo viel Schnee fällt, auch schon früh die Idee entstand, die glatte, weiße Oberfläche zum Gleiten zu nutzen. Als Konsens gilt dagegen, dass der Skisport aus Norwegen stammt. Dort gab es Mitte des 19. Jahrhunderts im heutigen Oslo die ersten Turniere mit Regelwerk, bald darauf entstanden Vorläufer von Skiklubs.

China sieht sich auch im Fußball als Großmacht

Im Gastgeberland der Olympischen Winterspiele, wo man mit wintersportlichen Erfolgen bisher nicht auffallen konnte, hält man sich mit solchen Nebenschauplätzen ungern auf. In China ist dies eine übliche Masche. Nicht nur das Schießpulver, Nudeln und der Buchdruck sollen von hier stammen - auch diverse Sportarten. Folgt man der Geschichtsdarstellung im Ein-Parteien-Staat, der politisch unbequeme Medien, Meinungen oder Forschungen kaum zulässt, dann ist schon so einiges, was westliche Länder erfunden zu haben glaubten, eigentlich viel früher in China entstanden.

So ist es zum Beispiel mit dem weltweit beliebtesten Sport Fußball. Allgemein bekannt ist, dass der weltweit erste Fußballverband die englische Football Association war, die sich im Jahr 1863 gründete und die ersten allgemein anerkannten Regeln des modernen Spiels formulierte. Chinas nationaler Fußballverband gründete sich im Jahr 1924, als die meisten europäischen Länder längst einen Verband hatten. Auch diverse asiatische Länder - von Japan über die Philippinen bis zu Thailand - waren China zuvorgekommen. Aber "zuqiu", wie man Fußball in China nennt, hat als Begriff seinen Ursprung vor mehr als 2.000 Jahren. Einen Boom erlebte eine frühe Form von Fußball, mit zehn Meter hohen Toren und ohne Torhüter, in der Song-Dynastie von 960 bis 1279. Es gab Trainer und eine Art professionelle Spieler. Wenn Chinas Staatschef Xi Jinping heute betont, bis zum Jahr 2050 aus China eine Fußballweltmacht machen zu wollen, die sogar die WM gewinnen soll, steht dies auch im Kontext, dass China ja schon mal eine Fußballmacht gewesen sei. Ähnlich wie im Golf, einer weiteren Sportart, in der China bisher nicht durch große Erfolge aufgefallen ist. Es sei denn, die Erfindung von Golf kann auch als Erfolg gelten.

Der Historiker Ling Hongling von der Universität Lanzhou stellte im Jahr 2006 die These auf, Golf sei schon vor mehr als einem Jahrtausend gespielt worden. In den Niederlanden und in Frankreich, wo aus dem 13. und 14. Jahrhundert ähnliche Spiele dokumentiert sind, dürfte man die Idee demnach aus dem Osten erhalten haben. Golf "stammt ganz klar aus China", zitierte die britische Zeitung "The Independent" den Historiker damals. Alte Aufzeichnungen haben demnach ergeben, dass wie Fußball auch Golf schon in der Song-Dynastie gespielt wurde, inklusive Schlägern, Bällen und in den Boden gegrabenen Löchern. Sogar Fahrer, die die Spieler ihren Schlagergebnissen hinterherfuhren, habe es damals schon gegeben. In den Westen sei das Spiel durch die Mongolen gelangt. Dass das moderne Spiel mit seinen heutigen Regeln aus Schottland stammt, ist allerdings unumstritten. Weltweit kümmert man sich um die fernen Ursprünge populärer Sportarten heute eher wenig. In China aber, wo die Regierung in sportlicher Expansion einen Schlüssel zu mehr internationaler Popularität und letztlich Macht erkannt hat, erzeugen solche Reklamationen auch Stolz und historische Ansprüche an künftige Triumphe. Wäre man von purer historischer Neugier getrieben, könnte man sich auch fragen, warum in China diverse Praktiken irgendwann vergessen wurden, bis man sie als sportliche Kulturimporte aus dem Westen annahm. Davon ist allerdings weniger zu hören.