Inmitten der Pandemie fanden die Winterspiele von Peking vor kleinem Publikum statt. Wer vor Ort sein durfte, haben die Organisatoren entschieden. Olympia wurde damit zum Networkingevent. Kurz vor der Eröffnungsfeier sorgten die Gastgeber für eine vermeintlich frohe Botschaft. "Die Zahl der Zuschauer, die von außerhalb der Blase kommen, wird sich auf 150.000 belaufen", hieß es in einem offiziellen Statement (diesen Samstag, einen Tag vor dem Ende der Winterspiele, nannte Zhang Jiandong, Vizepräsident des Organisationskomitees, nun die Zahl von insgesamt 97.000 Zuschauern, also um ein Drittel weniger). Bis dahin war unklar geblieben, ob zu den Wettkampfstätten überhaupt Publikum zugelassen würde.

Schließlich hatten schon die Sommerspiele in Tokio fast ausschließlich ohne Sportfans in den Stadien stattfinden müssen. In Peking wollte man nun mehrere Spielstätten zumindest auf eine Auslastung von 50 Prozent bringen. Aus dem Ausland anreisende Zuschauer, wie es bei Olympischen Spielen vor der Pandemie noch üblich war, blieben zwar ohnehin ausgeschlossen. Aber dieser Mangel an internationalem Austausch sollte kompensiert werden: "Internationale Freunde, die in Festlandchina leben", würden in die Spielstätten kommen sowie "Mitglieder diplomatischer Missionen und Marketingpartner, Wintersportfans, lokale Anrainer, Grund- und Mittelschüler." Damit werde garantiert: "Die Zuschauerbasis wird so groß und divers wie möglich sein." Seitdem hat es reichlich Geheimniskrämerei um die Frage gegeben, wer diese Menschen genau sind und wie der Auswahlprozess stattgefunden hat. Schließlich haben akkreditierte Journalisten schon deshalb wenig Möglichkeiten, mit Menschen in den Spielstätten zu sprechen, weil sie durch unterschiedliche Ein- und Ausgänge geschleust werden. Auch sonst sind ausländische Journalisten in Peking schon an ihrer Arbeit gehindert worden. Von den Zuschauern in den Stadien sind auch kaum Äußerungen zu hören. Stille ist offenbar eine Auflage für den Besuch.

Zuckerbrot und Peitsche

Die US-amerikanische Zeitung "Wall Street Journal" hat in einer Recherche nun etwas Licht ins Dunkel gebracht - und damit einige Vermutungen bestätigt: Es handelt sich maßgeblich um VIPs, an deren Wohlwollen der Kommunistischen Partei Chinas gelegen ist. So wurden Plätze für den Nachwuchs etwa mit Jugendkadern der Kommunistischen Partei aufgefüllt, solche der "internationalen Freunde" mit Vertretern ausländischer Wirtschaftsverbände. Möglich, dass die Lage zu einem wohl stärkeren Heimvorteil für die chinesischen Athletinnen und Athleten führte. Denn trotz der strengen Sicherheitsvorkehrungen zur Infektionsprävention - in Form von Checkpoints, Maskenpflicht, Sitzabständen und hohen Barrikaden - waren Anfeuerungsrufe auf Chinesisch wahrzunehmen.

Die wehenden Flaggen und folkloristischen Outfits aus aller Welt, die noch bei den Winterspielen von Pyeongchang von vier Jahren die Atmosphäre prägten, blieben dagegen aus. Außerdem zeigten sich diese Olympischen Spiele damit als Netzwerkevent für diejenigen, die Privilegien genießen. Im Kontext Chinas ist die offenbar politische Selektion des Stadionzugangs kaum überraschend. Im Ein-Parteienstaat werden Menschen durch ein Social-Credit-System ständig belohnt und sanktioniert, wenn sie in Augen der Regierung gute oder schlechte Dinge getan haben.

Das Prinzip "Zuckerbrot und Peitsche", gepaart mit politischer Kontrolle, passt mit der Auswahl der privilegierten Ticketinhaber offenbar gut zusammen. Dass Personen mit guten Kontakten und Positionen bei Sportveranstaltungen eher begehrte Zugänge erhalten als andere, ist keine chinesische Eigenart. Auch bei Weltmeisterschaften diverser Sportarten ist es üblich, dass VIPs welcher Art auch immer Extrabehandlungen erhalten. Dabei fiel dies in Peking besonders auf, da die Plätze inmitten der Pandemie so stark begrenzt sind. Bei Spielen der Fußball-Bundesliga in Deutschland etwa gehen trotz pandemisch bedingt geringer Kontingente noch Tickets in den freien Verkauf. In Peking hat es dies nicht gegeben. Die von den Pekinger Olympiaveranstaltern versprochene Diversität im Publikum schien dabei höchstens nach einigen Kriterien erfüllt: nach Alter, nach Geschlecht, nach Beruf. Offenbar aber weniger, wenn es um die Frage geht, wie man politisch eingestellt und aufgefallen ist.