Wenn am 4. März in Chinas Hauptstadt die Paralympischen Winterspiele eröffnet werden, wird Thomas Bach, seines Zeichens immerhin Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), fehlen. Lediglich eine vom Regime gestiftete Büste des Deutschen im Dongsy Community Olympic Park in Peking wird dann an ihn erinnern. Aber angesichts des immer noch geringeren Stellenwerts, den die Paralympics im Vergleich zu den "regulären" Spielen genießen, ist das nicht einmal überraschend - auch nicht für Bachs Landsmann Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes. "Das ist schade", meinte er am Montag auf Anfrage der dpa lapidar.

Dass die Paralympics in China stattfinden, sehen Beucher und viele seiner internationalen Kollegen kritisch, allerdings wollen sich die davon nicht die Vorfreude auf die Wettkämpfe verderben lassen. Auf der Habenseite wird etwa verbucht, dass die Spiele der Behindertensportler politisch nicht so sehr als Prestige-Objekt herhalten müssen wie Olympia. Diese Tatsache birgt zudem die Chance, die Paralympics als die ursprünglicheren Spiele zu präsentieren. Insgesamt werden rund 600 Athleten aus der ganzen Welt erwartet und in 78 verschiedenen Wettbewerben in sechs Sportarten in zwei Disziplinen antreten, darunter Ski, Langlauf, Biathlon, Snowboard, Eishockey und Curling. Die Austragungsstätten befinden sich in Wettkampfzonen in Peking, Yanqing und Zhangjiakou. Peking ist in der Geschichte der Paralympics übrigens die erste Stadt, die sowohl Sommer- als auch Winterspiele ausrichtet.

Debüt für zehn Österreicher

Das Österreichische Paralympisches Committee (ÖPC) entsendet 22 Aktive nach Peking. Das Team umfasst 16 Athletinnen und Athleten sowie sechs Guides, die gesamte Delegation ist knapp 60 Personen stark. Das gab das ÖPC am Montag, elf Tage vor Beginn der Spiele, im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien bekannt. Dass die Pause nach den Sommerspielen in Tokio kurz war, dessen ist man sich bewusst. "Es war eine Herausforderung, aber es hat geklappt", sagte ÖPC-Präsidentin Maria Rauch-Kallat. Auch im Lager des ÖPC machte Corona Sorgen, es sind derzeit aber alle gesund. "Wir klopfen auf Holz, dass es so bleibt", sagte Rauch-Kallat.

Der Großteil des jungen Paralympic Team Austria fliegt noch diesen Freitag (25. Februar) nach China, der Rest folgt am 2. März. Österreich ist in vier Sportarten vertreten: Ski alpin, Langlauf, Biathlon und Snowboard. Das größte Team innerhalb des ÖPC ist wieder die von Routinier Markus Salcher (vierte Spiele) angeführte Alpin-Sparte, in der von Salcher über den kompletten Aigner-Clan bis zur erst 15-jährigen Elina Stary 13 Teilnehmer in den verschiedenen Disziplinen am Start sein werden. Nur sechs Aktive sind bereits für Paralympics erprobt, für gleich zehn ist es die Premiere.

Rauch-Kallat wollte sich nicht auf eine Medaillen-Zahl festlegen, obwohl zuletzt bei der Para-Ski-WM gleich zehn Stück eingefahren wurden. 2018 in Südkorea gab es sieben (2 Silber, 5 Bronze). "Wir haben ein tolles Team und sind guter Hoffnung, dass wir wieder viele Medaillen nach Hause bringen werden", meinte die ehemalige Ministerin. "18 Medaillen wie bei den soeben beendeten Olympischen Spielen werden es auf keinen Fall werden. Denn so viele Medaillenmöglichkeiten haben unsere bei den Paralympics gar nicht." Jede Platzierung in den Top Ten sorge für große Freude. "Das Wichtigste ist aber, dass alle wieder gesund nach Hause kommen." Nach der Präsentation stand im Inneren Burghof die Angelobung bei Bundespräsident Alexander Van der Bellen an. Salcher sprach dort den Eid. "Es ist eine große Ehre, das Team dort zu vertreten", sagte er.

"Behindert, nutzlos, krank"

Vertreten sein werden bei den Paralympics freilich wieder die starken Länder USA, Kanada, Frankreich, Deutschland oder das russische Komitee, das unter neutraler Flagge starten wird. Nicht zu vergessen China, das, nachdem es bei den jüngsten Winterspielen - mit Ausnahme von einer Goldmedaille 2018 (Curling) - kaum eine Rolle gespielt hat, die Bühne nützen wird, um seine 96 Athletinnen und Athleten ins Rampenlicht zu rücken. Wie der Vize-Direktor des chinesischen Behindertverbandes, Yong Zhijun, dem TV-Sender CTGN sagte, sei diese Mannschaft die Frucht einer langjährigen Entwicklung, in welcher es gelungen sei, die Zahl der Athleten von 50 auf mehr als 1.000 zu erhöhen.

Dieses Engagement darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lage für die rund 85 Millionen Behinderten in China alles andere als gut ist. So ist die Barrierefreiheit immer noch mangelhaft und der Glaube, dass sie mit behinderten Kindern für etwas Schlechtes in einem früheren Leben bestraft werden, unter den Eltern nach wie vor verbreitet. Die Abwertung zeigt sich zudem in der Sprache. Geistig Behinderte wurden oft als "Shazi" (Idioten) abgetan. Lange wurden Behinderte auch "Canfei" genannt: "Behindert und nutzlos." Heute wird der nicht viel bessere Begriff "Canji" benutzt, der für "behindert und krank" steht. Behindertenverbände plädieren daher für "Canzhang", also "unvollständig" oder "behindert".

Dabei scheint der Umgang mit behinderten Menschen Familien und Gesellschaft oft zu überfordern. Immer wieder werden skandalöse Fälle aufgedeckt, wo Behinderte auf dem Land in Käfigen oder angekettet und schlecht versorgt entdeckt werden. Zwar hat Chinas Regierung die UN-Konvention über die Behindertenrechte unterzeichnet, doch hapert es an der Umsetzung. Immerhin verlangt die Regierung, mindestens 1,5 Prozent der Arbeitsplätze an Behinderte zu vergeben. Wer die Quote nicht erfüllt, muss Strafen bezahlen. Die Einnahmen fließen in einen Fonds, der arbeitende Behinderte unterstützt.(rel/apa)