London. (art) Zumindest einen Boykott wird es nicht geben. Das hat das indische olympische Komitee schon klar gemacht. Die Inder werden bei den Olympischen Spielen 2012 antreten - doch es wird eine Teilnahme unter Protest sein. Während das nationale Komitee dieser Tage noch überlegt, in welcher anderen Form es seinen Widerstand gegen das umstrittene Olympia-Sponsoring des US-Chemieriesen Dow Chemical ausdrücken soll, gehen die Demonstrationen auf den Straßen ungehindert weiter. Denn Dow Chemical wird in Zusammenhang mit der verheerenden Giftkatastrophe von 1984 in Bhopal gebracht.

Damals starben laut inoffiziellen Schätzungen bis zu 25.000 Menschen durch die unmittelbaren Folgen des Unfalls in einem Chemiewerk der Firma Union Carbide in der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Madhya Pradesh, bei dem aufgrund technischer Pannen mehrere Tonnen giftiger Stoffe austraten. Viele Menschen in der 1,8-Millionen-Einwohnerstadt leiden noch heute unter den Spätfolgen. Dow Chemical war damals zwar nicht involviert, hat Union Carbide aber 2001 gekauft. Damals war schon eine Vereinbarung zwischen Union Carbide und der indischen Regierung getroffen gewesen, wonach 470 Millionen Dollar Schadenersatz bezahlt wurden.

Doch da die Betroffenen ihre Ansprüche dadurch nur unzureichend erfüllt sahen und Dow Chemical auch nicht auf die Forderungen eingegangen ist, das Gelände von der noch immer vorhandenen Verseuchung zu befreien, hagelt es nun Kritik am Olympia-Engagement. Der Chemieriese sponsert die Londoner Spiele, liefert etwa die Außenhülle des Olympiastadions und wirbt für seine angeblich besonders umweltschonenden Materialen. Seit 2010 zählt er zu den Top-Sponsoren, die 100 Millionen Dollar pro Vierjahreszyklus an das internationale olympische Komitee (IOC) ausschütten.

Dadurch erhofft man sich bis 2020 ein Umsatzplus von einer Milliarde Dollar. Dass man dieses Ziel durch die nunmehrige Kontroverse nach unten wird korrigieren müssen, glaubt man bei Dow nicht. Vielmehr werden die Aktivisten dafür kritisiert, die Firma ungerechtfertigt mit der Katastrophe in Verbindung zu bringen, um durch Olympia auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. "Dow war nie dort", betont George Hamilton, der stellvertretende Verantwortliche für die Olympia-Aktivitäten des Unternehmens.

Rücktritt aus Protest

Ähnlich argumentiert auch das IOC. Dieses wurde vom indischen olympischen Komitee und vom Sportministerium aufgefordert, den Sponsor-Deal rückgängig zu machen. Das IOC müsse "im höheren Interesse der Ideale der Menschenrechte, des Mitgefühls und der Solidarität sofort Schritte unternehmen, um das Sponsoring zu beenden", heißt es in einem Brief an Präsident Jacques Rogge. Dieser wies die Bitte umgehend zurück - mit salbungsvollen Worten zwar, aber doch recht eindeutig. "Das IOC ist sich bewusst, dass die Bhopal-Katastrophe 1984 ein traumatisches Ereignis für Indien und die ganze Welt war. Die olympische Bewegung fühlt mit der Trauer der Opferfamilien und bedauert die Leiden der Bevölkerung in diesem Gebiet", schrieb Jacques Rogge in seiner Replik. Aber: "Dow hatte keine Verbindung zu dem Unglück."

Paul Deighton, der Chef des Londoner Organisationskomitees, spielte den Ball gleich zurück: "Die wirklich offene Frage ist doch: Wo ist das Geld geblieben, das als Schadenersatz gezahlt wurde? Was passiert in Indien?"

Doch so sehen das nicht einmal in London alle, wo die Debatte schon einen Rücktritt nach sich gezogen hat. Meredith Alexander, ein Mitglied des Nachhaltigkeitskomitees, hat ihren Posten in diesem Gremium im Jänner geräumt. Zwar sei die Schuldfrage schwierig zu klären, aber jetzt müsse Dow die Verantwortung zur Aufarbeitung der Katastrophe übernehmen, schrieb sie kurz nach ihrem Entschluss in einer Kolumne im "Guardian". "Das wäre dann ein wahres Olympisches Erbe."