Pyeongchang/Wien. Gut, die US-Wintersportfans haben Lindsey Vonn. Lindsey, die Ski-Königin, die sich auf roten Teppichen genauso wohlfühlt wie auf weißem Schnee, Lindsey, die ihre Fans täglich auf Twitter auf dem Laufenden hält. Lindsey, die auch im Sommer auf sich aufmerksam zu machen weiß, wenn sie von Veranstaltung zu Veranstaltung tingelt. Doch es wird nicht wenige US-Amerikaner geben, die am Donnerstag (1.30 Uhr MEZ) nicht nur wegen der alpinen Damen-Kombination, in der Vonn und Mikaela Shiffrin zu den Medaillenkandidatinnen zählen, gebannt vor den Fernsehgeräten sitzen. Denn auch die Österreicherin Anna Gasser zählt in den USA zu den populäreren Wintersportlerinnen - und das, obwohl sie im Big-Air-Contest, der erstmals bei Olympia absolviert wird, eine der Gegnerinnen der US-Boarderin Jamie Anderson ist. Nachdem Anderson in einem durch das Wetter schwer beeinträchtigten Slopestyle-Bewerb gewonnen hat, Gasser indessen vom Winde verweht worden ist und ebenso harte wie berechtigte Kritik an den Veranstaltern geübt hat, werden auch viele Nicht-Österreicher der 26-jährigen Kärntnerin die Daumen drücken. Zumindest hinter vorgehaltener Hand.

Denn Gasser gilt als Weltbeste ihrer Sportart - und diese als eine der spektakulärsten Neuerungen in Pyeongchang; vor allem in den USA. Dort gelten die X-Games neben Olympia als das Größte, bei Freestylern sind sie sogar noch beliebter. Gasser hat sie schon gewonnen, ist zudem Weltmeisterin - mit der Höchstnote von 100 Punkten. Im Vorjahr wurde sie in einer Publikumswahl des renommierten Sportsenders ESPN zur besten Actionsportlerin des Jahres gekürt, noch bevor sie auch die Auszeichnung zu Österreichs Sportlerin des Jahres erhielt. Auch für den Laureus Sports Award, der am 27. Februar vergeben wird, ist sie noch im Rennen.

Werbung für den Sport

Die Chance, dass sie dort als Olympiasiegerin auftritt, ist mehr als nur gegeben; nach dem verpatzten Slopestyle-Bewerb, wo sie ihre Medaillenträume unverschuldet begraben musste, zeigte sie sich in der Qualifikation für ihre Paradedisziplin, die sie seit eineinhalb Jahren nach Belieben dominiert, in Topform. 98 Punkte bedeuteten den Sieg in der Qualifikation und den begehrten Startplatz als Letzte im Bewerb, in dem sie je nach Leistungen der Konkurrentinnen kurzfristig entscheiden kann, wie viel Risiko zu nehmen sein wird. Schon jetzt aber ist klar, dass es ein Spektakel auf höchstem Niveau sein wird, so sich nicht wieder das Wetter als Spielverderber geriert. Denn Damen-Snowboard hat sich extrem entwickelt: Mit Tricks, mit denen man vor einigen Jahren noch Bewerbe gewonnen hätte, schafft man es heute vielleicht gerade noch ins Finale der besten Zwölf. Die Hälfte der Finalistinnen kam alleine in der Qualifikation auf 90 oder mehr Punkte. "Ich glaube, ich bin noch nie einen Big Air gefahren, bei dem das Level so hoch war. Es war die höchstklassige Qualifikation, die ich je gesehen habe. Es ist so cool, da dabei zu sein", sagt Gasser, die in der Qualifikation unter anderem den Cab Double Cork 1080 (zweifacher Salto mit drei Umdrehungen) zeigte und auch Werbung für ihren Sport machen will. "Ich glaube, wenn ich meine Tricks stehe, schaut es gut aus, aber das muss man erst einmal runterbringen", sagt die Kärntnerin zur Austria Presse Agentur.

Ihren Bewegungsdrang lebte sie zuerst beim Kunstturnen aus, ehe sie ihn als Teenagerin beim Snowboarden zu kanalisieren lernte. Doch sie gilt auch als akribische Arbeiterin, die von Trainer Christian Scheidl nicht angespornt, sondern manchmal auch gebremst werden muss, wie er erzählt, und die die Installation eines Air-Bags am Kreischberg initiiert hatte. Mit Sprüngen auf die luftgepolsterte Landebahn - die erste außerhalb der USA - konnten sie und ihr Freund und Teamkollege Clemens Millauer (in der Nacht auf Mittwoch in der Qualifikation im Einsatz) ihr Training optimieren.

Das Ergebnis wird man am Freitag sehen - in Pyeongchang, in Österreich und in den actionverliebten USA.