Beaver Creek. "Na, was sagst du, dass deine größte Pfeife jetzt Gold gewonnen hat?" Also sprach Hannes Reichelt anlässlich seines größten Triumphes zu seinem Vorgesetzten, ÖSV-Herrenchef Andreas Puelacher. Ein Bonmot, das so wie die Super-G-Goldene in Beaver Creek im Februar 2015 in die Geschichte einging. Denn der Salzburger avancierte damals mit 34 Jahren und 215 Tagen zum ältesten Weltmeister der Historie. Doch wer gedacht hätte, dass Reichelt nach diesem Titel langsam daran geht, seine Rennlatten im Skikeller zu verstauen - schließlich hat er von Kitzbühel über Wengen und Garmisch auch schon alle Abfahrtsklassiker gewonnen -, der irrte gewaltig. Und so kehrte er dieser Tage 38-jährig an die Stätte seines größten Sieges zurück und darf seinen fünften Erfolg auf der Raubvogelpiste anstreben. Wetterbedingt wurde das Programm kurzfristig geändert, die Abfahrt steigt nun schon am Freitag (18.45 Uhr), der Super G auf Reichelts Lieblingspiste am Samstag.

Hier hatte er einst seinen ersten Weltcupsieg (von bisher 13) gefeiert, als er am 1. Dezember 2005 bei schwierigsten Bedingungen die gesamte Weltelite - von Hermann Maier bis Kjetil-Andre Aamodt - hinter sich ließ. Es folgten zwei weitere Weltcup-Super-G-Erfolge anno 2007 und 2014 in Maiers einstigem Wohnzimmer. (Sein Landsmann gewann in Beaver Creek inklusive WM-Titel 1999 übrigens nur drei Mal den Super G). Doch von einer gemütlichen Veranstaltung würde Reichelt trotz seiner skitechnischen Wohlfühlstimmung nie sprechen: "Für ein Wohnzimmer ist die Strecke viel zu ungemütlich", gab er nach dem Mittwoch-Training auf der Raubvogelpiste zu Protokoll. Obwohl die Piste heuer nicht ganz so eisig sei, gelte es immer, hellwach zu bleiben: "Es ist jedes Mal wieder schwer, sich zu überwinden", sagte Reichelt, der mit dem ersten (und einzigen) Training für die Samstag-Abfahrt mit Rang zehn (+1,09) nicht zufrieden war.

Wobei er bekennt, dass ihn der Weltcuport in Colorado zwar in gute Stimmung versetze, die vergangenen Siege aber nun nichts mehr zählten: "Der spezielle Schnee, die Steilheit, die Charakteristik der Strecke, das alles taugt mir total." Eben alles ganz anders als bei der ersten Speed-Station im kanadischen Lake Louise: "Es ist daher immer gut, dass nach Lake Louise Beaver Creek kommt. Das ist ein bissl Balsam auf die Seele", meint Reichelt, der mit nunmehr 38 Lenzen und 148 Tagen aber versuchen muss, mit den jungen Teamkollegen mitzuhalten. "Von meinen vergangenen Erfolgen kann ich mir nichts kaufen. Einige Jungs sind mindestens genauso scharf auf den Sieg wie ich." Allen voran der Mühlviertler Vincent Kriechmayr, der Reichelt nicht nur als bester Super-G-Fahrer im ÖSV nachgefolgt ist, sondern auch auf der Super-G-Siegerliste in Beaver Creek. Nach seinem Vorjahressieg und Rang zwei in Kanada geht der 27-Jährige als Topfavorit ins Rennen.

"Schneller als die Jungen sein"

Doch auch Reichelt hat im ach so ungeliebten Lake Louise mit Rang vier bereits aufgezeigt - und das nach einem Zehenbruch im Sommer und darob alles andere als optimaler Saisonvorbereitung. Doch nach 16 Weltcupwintern weiß der Routinier nur zu gut, wie er im Training die richtigen Akzente zur richtigen Form findet - auch wenn er vor ein paar Wochen noch gemeint hat: "Wenn ich in Richtung Jänner in Form bin, dann passt es gut."

Der Saison-Fokus liegt also vor allem auf der WM in Aare im Februar, die nicht einmal seine letzte sein soll. "Also bis 2022 plane ich noch nicht voraus. Aber diese und nächste Saison wäre definitiv cool", so Reichelt, der in seiner Karriere von schlimmen Verletzungen verschont blieb. Klar sei nur eines: "Der Körper muss mitspielen - und auch der Kopf muss dazu bereit sein, sich in der Abfahrt runterzuhauen. Diese Faktoren sind ausschlaggebend und entscheiden, wie lange ich noch fahre." Cortina d’Ampezzo anno 2021 ist also nicht ausgeschlossen, von Olympia 2022 in Peking spricht er aber nicht. Zumal Reichelt mit den fünf Ringen keine wirklich guten Erfahrungen gemacht hat: Sotschi 2014 verpasste er (nach seinem Streif-Sieg) wegen einer Bandscheibenoperation; in Vancouver 2010 fehlte die Form für einen Einsatz; beim Debüt in Turin 2006 gab es nur Rang zehn im Super G - eine Enttäuschung wie heuer das Abschneiden in Pyeongchang mit den Plätzen elf (Super G) und zwölf (Abfahrt).

Eines ist für den Oldie aber klar - wegen Altersrekorden bleibt er dem Skizirkus nicht treu: "Die werden eh meist wieder gebrochen", meint er kokett. "Gewinnen ist das Ziel. Aber nicht, weil ich der Älteste wäre, sondern weil es Spaß macht, schneller zu fahren als die Jungen."

Ski-Weltcup am Freitag:

Herren-Abfahrt in Beaver Creek

18.45 Uhr

Damen-Abfahrt in Lake Louise

20.30 Uhr