Zagreb. (may) Es gab tatsächlich eine Zeit, in der Marcel Hirscher nicht reihenweise die Siege und Stockerlplätze eingefahren hat - und somit statt der sprichwörtlichen Konstanz in Person eher jene des übertriebenen Risikos war, bei der man stets befürchten musste, dass sie ausfällt. Auch in jener Saison, in der er sich erstmals die große Kristallkugel sicherte (2011/12), legte er sage und schreibe fünf Slalom-Ausfälle hin - vorwiegend durch klassische Einfädler. Jener, den er im Jänner 2012 in Zagreb verübt haben soll, war nach durchaus berechtigten Protesten laut FIS-Nachprüfung allerdings "zu 90 Prozent" keiner, weshalb der Annaberger die 100 Siegpunkte, die letztlich für die große Kugel entscheidend waren, behalten durfte. Diese Causa ging übrigens als Zagreber Einfädler-Affäre zumindest als Fußnote in die Skigeschichte ein, weil sie kurzfristig zu einer veritablen Auseinandersetzung zwischen kroatischen (Ivica-Kostelic-) und rot-weiß-roten (Hirscher-)Fans führte. Und vor allem bewies, dass selbst hochauflösende TV-Bilder beim modernen Carving-Schwung keine Sicherheit geben, ob ein Fahrer ein Tor tatsächlich korrekt passiert hat.

Zagreb und Einfädler bilden auch gute Stichwörter für das diesjährige Slalomspektakel auf dem Bärenberg hoch über der kroatischen Hauptstadt - jedenfalls für die Salzburger Ski-Größe. Denn diese will nach zwei für ihn mittlerweile ungewohnten Einfädlern in Zagreb wieder voll punkten. Die von ihm selbst nach dem Malheur in Madonna di Campiglio plus jenem beim City-Event in Oslo titulierte "Formkrise" sollte man aber eher als schelmisches Bonmot abtun, zumal er in beiden Fällen eingestand, jeweils das gewisse Äutzerl zu viel Risiko genommen zu haben.

Dass man Einfädler prinzipiell als gefährliches Schicksal von Slalomartisten fürchten muss, steht aber auch für Hirscher zweifelsfrei fest, zumal er vor Monaten das Gewurstel von Mario Matt hautnah miterleben musste, der just in der Saison nach dem Olympiasieg einen Einfädler nach dem anderen fabrizierte und letztlich völlig entnervt die Karriere hinschmiss.

Psychologisch wichtig

Darauf angesprochen, ob er selbst Angst vor einer Einfädler-Serie hätte, meinte Hirscher im Interview mit der "Wiener Zeitung" im Herbst 2015: "Diese Gefahr besteht natürlich, denn der Sport ist sehr auf die Spitze getrieben. Wenn da eine Kleinigkeit nicht funktioniert, funktioniert gleich alles nicht mehr." Ein Patent-Rezept dagegen gebe es jedenfalls nicht, beteuerte Hirscher.

Und so darf man gespannt sein, wie es der Weltcupführende am Sonntag (12.15/15.30 Uhr, ORFeins) in Zagreb risikomäßig anlegen wird, zumal das Rennen auch hinsichtlich der folgenden Slalom-Jänner-Klassiker von Adelboden bis Schladming psychologisch wichtig ist. Die dichte Kulisse am Sljeme hat den 29-Jährigen bereits zu vier Siegen getrieben, im Vorjahr vor Michael Matt sogar zu seinem 50. Weltcuperfolg. "Die Atmosphäre, die beim Rennen in einer Großstadt vor tausenden Fans herrscht, ist einfach einmalig", erklärt Hirscher, dessen Ausfall in Oslo immerhin mit Rang sieben entschädigt wurde. Dass sein Slalom-Schwung schnell genug für die Weltspitze ist, zählt für ihn momentan mehr, als seinen heuer wohl wieder einzigen Weltcup-Konkurrenten Henrik Kristoffersen in Schach zu halten. Der Norweger zählt aber so wie die Konkurrenz aus dem eigenen Team zu den schärfsten Konkurrenten in Zagreb.

Herausforderer Schwarz

Vor allem Marco Schwarz peilt nach seinem ersten Weltcup-Sieg in Oslo nun weitere Erfolge an. "Man arbeitet so lange darauf hin. Nachher endlich ganz vorne zu stehen, ist natürlich ein Mega-Gefühl und macht definitiv Hunger auf mehr", sagt der Kärntner, der bereits in Madonna vor Michael Matt auf Platz zwei gefahren war. Auch die eher flache Piste auf dem Sljeme sollte Schwarz liegen. Hirscher hat den 23-Jährigen definitiv auf der Rechnung: "Marco fährt im Training immer top, hat es aber im Rennen noch selten umsetzen können."

Bei den Damen am Samstag (13/16 Uhr, ORFeins) will sich Slalom-Ass Mikaela Shiffrin zum vierten Mal die Krone für die "Snow Queen" aufsetzen. Zuletzt musste sie sich jedoch in Oslo ihrer ewigen Rivalin Petra Vlhová geschlagen geben. Dass die Slowakin inzwischen zur echten Herausforderin geworden ist, scheint die US-Amerikanerin aber nicht zu beunruhigen. "Sie ist in Oslo disziplinierter und schlauer gefahren, wo es drauf angekommen ist." Im klassischen Slalom ist Shiffrin ohnedies eine Klasse für sich und hat elf der letzten zwölf Rennen gewonnen.