"Wiener Zeitung": Herr Knauß, würden Sie Ihren Kitzbühel-Sieg vor 20 Jahren gegen ein paar Hundertstel eintauschen? Dann hätten Sie ja zwei WM-Goldene.

Hans Knauß: Nein, ich würde nicht tauschen. Es gibt so viele verschiedene Weltmeister und Medaillen - aber der Sieg auf der Streif ist einfach die Krone im Skirennsport. Mir ist das Sportliche einfach wichtiger als Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften. Damals waren auch alle Stars am Start, es ist bei herrlichem Wetter von ganz oben gestartet worden. Heute kann ich das noch besser einschätzen, weil ich sehe, wie viele Größen dort nie gewonnen haben - wie Bode Miller oder Aksel Lund Svindal.

Hans Knauß Der 47-jährige Schladminger hat in seiner Karriere sieben Weltcupsiege gefeiert. Nach Super-G-Silber bei Olympia 1998 verpasste er bei der WM 1999 Gold um ein Hundertstel (Bronze), bei der WM 2003 (Silber) waren es drei. 2004 endete die Karriere nach einer Dopingsperre. Seit 2005 arbeitet er für den ORF. ORF
Hans Knauß Der 47-jährige Schladminger hat in seiner Karriere sieben Weltcupsiege gefeiert. Nach Super-G-Silber bei Olympia 1998 verpasste er bei der WM 1999 Gold um ein Hundertstel (Bronze), bei der WM 2003 (Silber) waren es drei. 2004 endete die Karriere nach einer Dopingsperre. Seit 2005 arbeitet er für den ORF. ORF

Wie viel Mythos macht Kitzbühel aus? Die Schwierigkeit allein kann es ja nicht sein, bei Ihrer Fahrt zuletzt in Bormio sagten Sie, so schwer sei es noch nie wo gewesen.

Sicher gibt es den Mythos. Aber egal ob Neuschnee liegt oder es eisig ist - auf der Streif ist es immer schwer. Und du kannst mit Mut Zeit gutmachen, das hast du eben nicht auf jeder Abfahrt. Auf der Streif gewinnst du nur mit einer Mischung aus Mut, wahnsinnig viel Können und Konsequenz im Kopf. Das ist das Schöne daran.

War 1999 die Fahrt Ihres Lebens? Es war ja ein besonderes Kunststück, Sie sind kein gelernter Abfahrer, waren vorher erst ein Mal auf dem Stockerl einer Abfahrt.

Ja, aber als ich drei Jahre zuvor als Riesentorläufer erstmals auf der Streif gefahren bin, bin ich gleich Achter geworden. Bei extrem schwierigen Verhältnissen und vielen Stürzen. Damals habe ich im Zielraum zu meinem Bruder gesagt: "Und das gewinne ich einmal!" Gottseidank ist mir das 1999 wirklich gelungen.

Woran erinnern Sie sich noch?

Ich weiß extrem genau, wie brutal ich in die Mausefalle reingefahren bin - das ist mir eigentlich passiert. Dann bin ich mit viel Tempo ins Karussell hinein, wo ich dem Druck gar nicht standhalten konnte. Völlig weg von der Ideallinie habe ich mir vor der Steilhang-Einfahrt gesagt: "Jetzt oder nie." Ich habe nur noch umgelegt und bin die direkteste Linie gefahren. Wie in einem Riesentorlauf.

Es ist aufgegangen - nach dem Steilhang war der Vorsprung groß.

Seit damals ist der Sieger fast immer diese brutale Linie gefahren. Denn man hat gesehen, man kann da auch wild runterstechen. Dort habe ich so wahnsinnig viel Zeit herausgefahren, die ich dann bis in Ziel verwaltet habe.

Dabei muss der Druck enorm gewesen sein. Sie hatten noch kein WM-Ticket für Beaver Creek, erst durch diesen Sieg durften Sie dort im Super G starten und in dem legendären Hundertstelkrimi Bronze holen.