Aare/Wien. Es war die Zeit, in der Stephan Eberharter den Gesamtweltcup gewann, Bode Miller die Szene mit dem Außerkraftsetzen der Schwerkraft und exzentrischen Einlagen auf und abseits der Strecke aufmischte und Norwegens Skisport zu Kjetil André Aamodt und Lasse Kjus aufblickte - und eine Zeit, in der alle anderen über den nach seinem schweren Motorradunfall großen Abwesenden, Hermann Maier, sprachen, als der junge Aksel Lund Svindal 2001 seine ersten Schwünge im alpinen Skiweltcup machte. Im Schatten dieser Stars, die allesamt längst ihre Skier in die Ecken respektive die Wintersport-Museen dieser Welt gestellt haben, still und leise, wie es seine Art war und bis heute bleiben sollte, arbeitete sich Svindal in den Folgejahren an die Spitze, von der er sich trotz all seiner Verletzungen nie so wirklich verabschieden sollte - bis zu diesem Samstag, bis zu seinem definitiv letzten Profirennen bei der WM-Herren-Abfahrt in Aare (12.30 Uhr).

Für den 36-jährigen Norweger schließt sich damit gewissermaßen ein Kreis. 2007 hatte er bei der bisher letzten WM in Aare - nach Kombinations-Silber in Bormio zwei Jahre davor - seine ersten von insgesamt fünf WM-Goldmedaillen geholt, die bisher letzte gewann er in Schladming 2013 in der Abfahrt. Dass er ausgerechnet hier seinen Abschied begeht, war aber weniger kühles Kalkül denn vielmehr dem Zufall beziehungsweise seinen Knieproblemen geschuldet. Gerne wäre er noch weiter gefahren, doch die schweren Schäden - späte Nachwirkungen seines Sturzes bei der Ausfallsorgie in Kitzbühel Anfang 2016 - lassen Rennfahren auf hohem Niveau nicht mehr zu.

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Ausgerechnet in Kitzbühel, wo er zwar nie die Abfahrt, aber immerhin drei Mal den Super-G gewonnen hat, kündigte er daher heuer an, keine Weltcupbewerbe mehr zu bestreiten, sich stattdessen auf die WM und damit die definitiv letzten Rennen seiner erfolgreichen Karriere zu konzentrieren. Im Super-G am Mittwoch belegte er nach einem Quersteller den 16. Platz. Doch es wäre nicht das Stehaufmännchen Svindal, das schon oft nach schweren Verletzungen wieder aufs Siegerstockerl zurückgekehrt war - ein Jahr nach seinem Horrorsturz in Beaver Creek zu Beginn der Saison 2007/08, als er mit Frakturen im Gesicht und schweren Unterleibsverletzungen mehrere Wochen im Spital war und die komplette Saison auslassen musste, gewann er mit zwei Punkten Vorsprung auf Benjamin Raich zum zweiten Mal den Gesamtweltcup -, würde er nicht mit einer Medaille spekulieren. Wie andere in einem lustigen Kostüm oder mit Einkehrschwüngen und Abklatschen der am Streckenrand stehenden Betreuer das Abschiedsrennen zu bestreiten, ist seine Sache nicht, wenngleich er durchaus Sympathien für solche Vorstellungen hat. "Du bist in zwei Welten. Es wäre perfekt, im Starthaus zu stehen und sich bei allen zu verabschieden, aber ich muss rennfahren. Ich kann schon verstehen, dass andere einen Good-bye-Run machen. Aber ich will ein richtiges Rennen machen", sagt Svindal. Danach sei immer noch Zeit, sich im Zielraum und bei kleinen Feierlichkeiten von allen zu verabschieden, ehe er sich vorerst vom Skisport abwenden will.

Die Zwangspausen in der jüngeren Vergangenheit hat er genützt, um sich auch mit anderen Dingen zu beschäftigen, mit einem Tech-Start-up, Immobilien und Mode beispielsweise. Auch in der Zeit danach scheint nicht nur aus diesen Gründen ein Pensionsschock unwahrscheinlich; Svindal war nie jemand, dessen Horizont nur bis zum Pistenrand reichte. Er möchte demnächst viel Zeit unter Palmen verbringen, "dort, wo die Leute nicht wissen, dass ich Skifahrer bin", wo man "Gespräche auf anderen Ebenen" führen könne, sagt er.

Im Skisport freilich wird er dennoch - oder gerade deshalb - eine Lücke hinterlassen. Ohne ein Lautsprecher oder gar beleidigend zu sein, verstand es Svindal stets, die richtigen Worte zu finden - sei es zur Motivation oder als Kritik, in Aare beispielsweise zu Aussagen von Gian Franco Kasper, dem Präsidenten des Internationalen Skiverbandes. Der hatte in einem Interview mit dem Satz aufhorchen lassen, "vom Geschäftlichen her" seien Großveranstaltungen in Diktaturen einfacher. Die inzwischen erfolgte Entschuldigung Kaspers habe Sinn, fand Svindal - "denn der Kommentar hat keinen gehabt". Es gebe schließlich "Probleme auf der Welt, die wichtiger sind als der Sport".

Nicht nur, aber auch deshalb ist der Respekt, der Svindal vor seinem Abschiedsrennen in der Szene entgegengebracht wird, enorm. Als Teamkollege sei er "unersetzlich", sagt Norwegens Cheftrainer Christian Mitter. Es gehe "eine der größten Persönlichkeiten im Skisport", meint Österreichs Vincent Kriechmayr. Svindal selbst werden diese Bemerkungen vielleicht mehr freuen als all seine Siege. Seine Abschiedsworte: "Der Sport wäre nichts ohne Freundschaften."