Marcel Hirscher war nicht nur der Erfolgsgarant für den österreichischen Skiverband, sondern auch für den ORF. Wenn der achtfache Gesamtweltcupsieger auf zwei Brettern zu Tale raste, schaute halb Österreich begeistert zu - was dem öffentlich-rechtlichen TV regelmäßig Top-Quoten bescherte. Das ist seit dem Rücktritt des 30-Jährigen im September anders: Sportlich hinkt der ÖSV in Slalom wie Riesentorlauf hinterher (immerhin gab es am Sonntag in Alta Badia durch Marco Schwarz als Sechsten den ersten Top-Ten-Platz im Riesentorlauf), Technikrennen ohne den rot-weiß-roten Superstar und damit Bewerbe ohne echte Siegchance für Österreich lassen das Interesse der heimischen TV-Konsumenten rapide in den Keller rasseln. Die "Wiener Zeitung" hat sich die Teletest-Daten aller bisherigen Rennen angesehen und sie mit früheren Rennen mit Hirscher-Beteiligung verglichen - herausgekommen ist ein gravierender Seherschwund, der selbst Experten verblüffen dürfte. Denn zu Spitzenzeiten verlor der ORF sagenhafte 566.000 Seher oder 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Beaver Creek. Dieser Topwert stammt aus dem Vergleich des Riesenslaloms von heuer mit jenem von 2018. Da die Übersee-Übertragung in die Primetime am Wochenende fällt, ist die Quote immer recht hoch - und fällt dann eben auch entsprechend drastisch ab. So sahen heuer im zweiten Lauf zu Spitzenzeiten nur noch 682.000 Zuseher zu (beim Heim-Triumph von Tommy Ford); im Vorjahr waren es mit 1,248 Millionen noch fast doppelt so viele, die Hirscher um den Sieg kämpfen sahen. Etwas geringer fällt die Differenz bei der durchschnittlichen Seherzahl aus - hier beträgt das Minus aber auch 406.000 Personen oder 40,3 Prozent.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Alta Badia. Ähnlich die Daten zum Riesentorlauf im Hochabteital. Als Hirscher vor einem Jahr furios zum sechsten Mal in Folge triumphierte, verfolgten dies im Schnitt 1,02 Millionen Menschen, nun waren es gut ein Drittel weniger (675.000), die den ersten Sieg eines Norwegers (Henrik Kristoffersen) auf der Gran Risa sahen.

Val d’Isère. Auch beim Rennen in der Hirscher-Hochburg in den französischen Alpen gab es einen gravierenden Einbruch: Im Gegensatz zum Slalom anno 2017 (kein Rennen im Vorjahr) sahen heuer im Schnitt 185.000 weniger zu - ein Minus von 26,6 Prozent.

Sölden. Ähnlich der Seherschwund beim Gletscherauftakt, wiewohl hier aufgrund zweier Absagen der Vergleichswert aus 2016 genommen werden muss. Es steht aber ein signifikantes Minus von 23,7 Prozent.

Levi. Am geringsten fiel der Seherverlust beim Slalom im finnischen Levi aus, als gut ein Fünftel (19,2 Prozent) der Fans den Fernseher nicht mehr aufdrehte. Möglicherweise dem guten fünften Zwischenrang samt Stockerlchance von Christian Hirschbühl geschuldet (Endrang sieben).

Alle genannten Rennen fanden sonntags und praktisch zur selben Zeit im Jahr statt, weshalb der Hirscher-Faktor zweifelsfrei durchschlägt. Auffällig ist, dass beim vom Teletest erhobenen Spitzen-Zuschauerwert das Minus meist um mehrere Prozentpunkte höher ausfällt als bei der durchschnittlichen Seherzahl. Vereinfacht gesagt, schalteten früher viele erst in der Entscheidung im zweiten Lauf zu, um Hirscher siegen zu sehen - jetzt eben nicht mehr. Interessant ist auch, dass sich der Rücktritt des Superstars auch auf die Speedrennen auszuwirken scheint und es also ein generelles Abflachen des Interesses geben dürfte. Auch wenn die Datenlage mit Vorsicht zu genießen ist (so wurden heuer in Beaver Creek die Rennen getauscht, im Vorjahr gab es gleich zwei ÖSV-Siege in Übersee, heuer kam es in Gröden zu Verschiebungen und Absagen), lässt sich feststellen: Den Abfahrtsauftakt in Lake Louise verfolgte ein Fünftel weniger (767.000 statt 961.000 Zuseher) als noch 2018. Für den ohnedies schwächelnden ORF 1, der alle Rennen überträgt, bedeutet der negative "Hirscher-Effekt" jedenfalls eine zusätzliche Belastung. Zudem gibt es im nächsten Jahr - mangels Ski-WM und Olympia - auch keine Kompensationsmöglichkeit, vielmehr ist durch das Wegfallen der Aare-WM ein weiterer Einbruch unvermeidlich. Die einzig gute Nachricht: Selbst die Übertragungen der Technikrennen sorgen immer noch für Stockerlplätze - auch punkto Marktanteil (mit bis zu 48 Prozent) - in der ORF-Statistik.