Von wegen Österreicher-Loch! Zwar mag die tückische Passage im Zielabschnitt der Lauberhorn-Abfahrt (in etwas boshafter Absicht) nach den ewigen Ski-Rivalen der Schweizer benannt sein, nachdem anno 1954 ebendort gleich sieben Österreicher ausfielen - und doch war die längste Abfahrt im Weltcupzirkus fast immer ein guter Boden für Rot-Weiß-Rot. Der ÖSV stellt mit Vincent Kriechmayr nicht nur den Titelverteidiger des Klassikers, sondern in Hannes Reichelt (2015/derzeit verletzt) und Klaus Kröll (2011/bereits zurückgetreten) drei Gewinner aus den jüngsten sieben Auflagen. Dazu gab es jede Menge Stockerlplätze im Heiligtum der Ski-Eidgenossen: nämlich deren sieben seit 2010. Und auch in der ewigen Statistik hat Rot-Weiß-Rot gegenüber dem Schweizerkreuz mit 31:29 Abfahrtssiegen die Nase vorne. Womit die Österreicher auch nach dem Höhepunkt der 90. Lauberhornrennen am Samstag (12.30 Uhr/ORF1) Rekordsieger bleiben werden.

Im Vergleich dazu nimmt sich die jüngste Bilanz in Kitzbühel, wo kommendes Wochenende der 80er ansteht, geradezu bescheiden aus: Auch wenn hier die Heimnation in den Annalen klar voran liegt (36:16/ohne Zusatzabfahrten), gehört die jüngere Vergangenheit nicht mehr den Epigonen von Toni Sailer, Franz Klammer und Co.: Seit 2006 gab es nur einen einzigen Streif-Sieg - Hannes Reichelt anno 2014.

"Wengen ist speziell"

Daher nimmt es auch wenig wunder, wenn die ÖSV-Abfahrtsasse der Jetztzeit Wengen als ihre Lieblingsstrecke auserkoren haben. "Wegen dem Flair - man fährt mit dem Zug rauf, das Panorama am Start, die Strecke. Natürlich ist die Kitzbühel-Abfahrt unglaublich, aber Wengen ist schon etwas ganz Spezielles. Ich bin irrsinnig gern hier", sagt Titelverteidiger Kriechmayr, dem offenbar Druck und Rummel in der Gamsstadt etwas zu viel sind: "In Kitzbühel kommen so viele Termine auf uns zu, da ist viel mehr Trubel. Wer mich kennt, der weiß, dass ich es einfach gern ruhig habe. Deshalb genieße ich es hier." Auch der zweifache Olympiasieger Matthias Mayer - wiewohl in Kitzbühel schon Super-G-Gewinner - gerät angesichts von Passagen mit klingenden Namen wie Hundschopf, Minschkante, Haneggschus, Kernen- und Ziel-S ins Schwärmen: Daher sei Wengen für ihn auch die schönste, Kitzbühel wiederum die spektakulärste Strecke im Kalender. Warum schön? "Es geht um langgezogene, geschmeidige Kurven. Wo man mit geschmeidigem Fahren sehr viel Geschwindigkeit mitnehmen kann und das Ganze verwalten muss", so Mayer, der 2018 auf der 4270 Meter langen Abfahrt Dritter war. Die Streif indes bedeute für ihn Kampf von oben bis unten: "In Wengen brauchst nicht so auf Anschlag zu sein wie in Kitzbühel", so Mayer.

Mit Abfahrtsbestzeit zum Sieg

Für den 29-jährigen Afritzer begann die Jubiläumsausgabe im Berner Oberland am Freitag in der Kombination schon äußerst erfolgreich: Nach Abfahrtsbestzeit legte er mit Startnummer eins auf dem schwierigen Slalomhang einen sensationellen Torlauf hin - und wurde von keinem Läufer mehr von der Spitze verdrängt. Lediglich Favorit Alexis Pinturault kam Mayer bis auf sieben Hundertstel nahe, den siebenten Weltcuperfolg - den ersten in der Kombination - konnte aber auch der Franzose nicht verhindern. "Es ist gewaltig, ich habe alles gut erwischt. Dass ich jetzt hier oben am Stockerl stehe, ist schon brutal", meinte der Sieger, der zuletzt vier Einfädler in Kombi-Slaloms fabriziert hatte. "Trotzdem habe ich einfach Gas gegeben", so Mayer, der nun für Samstag hofft, "dass ich die Abfahrt noch einmal so perfekt hinbekomme".