Steil wie ein Kirchendach startet das berühmteste Skirennen der Welt: "Do obi? Sad’s deppat? Niemals!", sagte Franz Klammer vor seinem ersten Streif-Start 1973. Von 0 auf 130 km/h beschleunigen die Rennläufer auf den ersten 160 Metern der Abfahrt, bevor sie nach knapp acht Sekunden Laufzeit 60 bis 80 Meter in einen Abgrund mit 85 Prozent Gefälle tauchen. "Wie wenn man ohne Fallschirm aus dem Flugzeug springt", meinte Marc Girardelli, Streif-Sieger 1989.

"Todesangst-Gefühle" überkamen Abfahrts-Olympiasieger Stephan Eberharter beim Streif-Debüt 1991 und "die Hosen voll" hatte Streckenrekordhalter Fritz Strobl bei seiner ersten Einfahrt in die Mausefalle. Der Name stammt von Anton Sailer senior: "Wia a Maustrappei" nannte er die Steilhangkante. Kein Zufall, dass Sailer der treffende Begriff für den gefährlichsten Sprung im Skizirkus einfiel. Mit Steilheit kannte sich der Kitzbüheler Spenglermeister aus - und mit seiner Kreativität konnte er auch für die Dachdeckerei ein Markenprodukt entwickeln, das nach Jahrzehnten noch so innovativ daherkommt wie das 80. Hahnenkamm-Rennen an diesem Wochenende.

Hausbaumetapher

Um die zweite, die fast unbekannte Erfolgsgeschichte der Sailers zu schreiben, muss man vom Hahnenkamm in die Kitzbüheler Webergasse wechseln, von der Rennstrecke in die Spenglerwerkstatt - die es so nicht mehr gibt. "Ich hab alles weggegeben", antwortet Rudi Sailer auf den suchenden Blick nach Werkzeug, "sonst hör ich mit der Arbeit ja nie auf." Schade, umsonst darauf gefreut, dem Arbeitsgeist der drei Generationen lang dauernden Spengler- und Glaserdynastie Sailer noch auf einer Werkbank mit Schlagschere, Bördel- und Falzeisen nachspüren zu können.

Aber verständlich, Rudi Sailer ist ein Zupacker, einer, der in die Fußstapfen steigt und übernimmt, Arbeit, Aufträge, Funktionen und letztlich - mit diesem Namen, mit dieser Herkunft - auch ein Erbe, mit all seinen guten und weniger guten Seiten. Das zeigt die Biografie des Rudi Sailer, das blitzt mehrmals im Gespräch auf, das zeigt sich schon am Schreibtisch, auf dem die Sailers früher ihre Rechnungen schrieben, fürs Dachdecken, Dachrinnen montieren, Kamineinfassungen einfalzen ...

Neben Büroklammern liegen Blechnieten und Kupfernägel, an der Wand hängen Bleiverglasungen, Gesellenstücke, Meisterstücke, und in einer Ecke lehnt, halb verdeckt von Druckerkabeln, ein Foto der österreichischen Ski-Nationalmannschaft aus den 1970er Jahren in Fußballdressen; ganz links der junge Karl Schranz, in der Mitte der noch jüngere Rudi Sailer. Ein Leben auf Blechdach und Skipiste, gleichzeitig und abwechselnd, nebeneinander und hintereinander, mit- und manchmal auch gegeneinander.