Kitzbühel wird ja in so mancher Hinsicht als Pionierin des Wintersports gerühmt. So wird etwa gern behauptet, dass hier 1929 die erste Personenseilbahn Österreichs eröffnet wurde, was freilich nicht stimmt - dazu kam es bereits drei Jahre früher im niederösterreichischen Kurort Reichenau, am Fuße von Rax und Schneeberg. Nicht viel anders verhält es sich mit dem alpinen Skisport, beispielsweise der bis heute als Königsdisziplin gefeierten Abfahrt, deren Geburtsstunde vor rund 90 Jahren ebenfalls nicht in den Kitzbüheler, sondern in den Wiener Alpen schlug.

Genau genommen waren aber die Ostösterreicher und der ÖSV nur um eine Woche schneller als die Tiroler dran gewesen, als sie für den 21. und 22. März 1931 den ersten Abfahrts- und Slalomlauf in der Geschichte Österreichs ins Leben riefen und damit zum Geburtshelfer von gleich zwei Disziplinen wurden, der Abfahrt und der Kombination. "Der Start des Abfahrtslaufs befand sich auf dem höchsten Punkt des Schneeberges bei der Fischerhütte", berichtete der "Tiroler Anzeiger" tags darauf in einem ungewöhnlich ausführlichen Artikel. "Die ungefähr 7 Kilometer lange Strecke führte über einen steilen, sich trichterförmig verengenden Hang in einen langgezogenen, gewundenen Graben mit schönem, baumfreiem Auslauf, der die nun folgenden engen Waldgassen mit den scharfen eisigen Ecken und die zwei sehr steilen glattgefahrenen Waldblößen in die Trenkwiesenschlucht hinunter zum Ziel nicht ahnen ließ." Und: "Die Schwierigkeit der Strecke äußerte sich dadurch, daß sogar Klassen-Fahrer schreckhafte Stürze lieferten."

Im Gegensatz zu dieser niederösterreichischen "Streif" nahmen sich die lediglich als "Werbeläufe" bezeichneten Abfahrts- und Slalomstrecken der ersten "internationalen Hahnenkammrennen" am 28. und 29. März 1931 in Kitzbühel vergleichsweise harmlos aus. Darauf lässt nicht nur der schlichte Titel schließen, führte doch die Abfahrt nicht vom Hahnenkamm, sondern von der Ehrenbachhöhe über die Fleckalpe bis nach Klausen. "Bei herrlichstem Firnschnee und prächtigem Wetter sausten die Läufer zu Tal und sind die gefahrenen Zeiten als hervorragend zu bezeichnen", notierte der "Tiroler Anzeiger". "Eisige Ecken", "enge Waldgassen" oder "glattgefahrene Waldblößen" wie der Schneeberg hatte die ausgewählte Strecke (noch) nicht zu bieten. Auch waren die Nennungen für diese Abfahrt mit nur 26 Teilnehmern im Verhältnis gering. In Niederösterreich waren in der Vorwoche allein in dieser Disziplin 77 Athleten an den Start gegangen. Den Sieg am Schneeberg trug Friedl Däuber aus Berchtesgaden mit einer Zeit von 8:06 Minuten davon.