Marc Girardelli, der mehrfache Olympia-Silbermedaillen- und WM-Goldmedaillengewinner sowie fünffache Gesamtweltcupsieger, ist sich sicher. So, wie das der ÖSV derzeit mit dem Herren-Technikteam macht, wird das nichts. Dabei gibt er freilich nicht den Fahrern die Schuld, die würden sich ja bemühen, nur geht das mit einem "Hinterradantrieb" nicht, wenn eigentlich ein "Allrad" hergehöre, richtete er ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel am Freitag in einem Zeitungskommentar aus und berief sich dabei natürlich auf das katastrophale Abschneiden der Österreicher - ein 28. Platz von Manuel Feller - beim jüngsten Riesentorlauf in Garmisch.

Nun ist nicht davon auszugehen, dass Schröcksnadel Girardellis Position teilt. Nicht der Antrieb sei das Problem, sondern der große Druck, ließ der ÖSV-Boss nun im Vorfeld des Slaloms am Samstag (10/13 Uhr) sowie des Riesentorlaufs am Sonntag (9.30/13.15 Uhr/beide ORF1) in Chamonix die Welt wissen. "Die wollen schnell fahren und riskieren viel. Sie meinen halt jetzt, dass sie alles zerreißen müssen", dozierte der Professor und fügte wie so oft mehr oder weniger entschuldigend hinzu: "Einen Marcel Hirscher kann keine Nation vorgeben." Auf die Frage, wie denn sein Rat an die Jungen laute, meinte Schröcksnadel. "Die sollen schnell runterfahren und nicht lange denken, dass sie die Last der Nation am Rücken haben. Den Rucksack müssen sie ablegen."

Nun, das ist leichter gesagt als getan. Und niemand weiß das besser als Manuel Feller, der mit seiner Darbietung in Garmisch nicht nur den Druck von Verband und Öffentlichkeit zu spüren bekam, sondern auch auf den so genannten sozialen Medien einiges lesen musste. Seine digitale Antwort, ein deftiger Rap inklusive Stinkefinger, ließ tief ins angeknackste Seelenleben des Athleten blicken, wobei Feller nicht der einzige mit mieser Stimmung sein dürfte. Darauf konnte selbst Schröcksnadel nur mit Humor reagieren. Künstlerisch sei Fellers Darbietung "gar nicht schlecht" gewesen, sagte er, riet aber dann seinem Schützling doch noch, sich weniger auf Social Media denn aufs Rennfahren zu konzentrieren.

Parallelbewerb als Hoffnung?

Ob das Feller und Co. in Chamonix gelingen wird, lässt sich nicht sagen. Immerhin ist man klar auf Wiedergutmachung eingestellt, wenn auch angesichts der sportlichen Voraussetzungen beim ÖSV noch keine zu großen Revanchegelüste gehegt werden. Der Mann, der nun wieder Ruhe ins emotionale Chaos der Mannschaft bringen soll, heißt Andreas Puelacher. Der Sportliche Leiter plädiert für mehr Gelassenheit. Kitzbühel war gut, Schladming unglücklich, Garmisch eben schlecht, erklärte er: "Wenn du im Fußball einmal eine drüber kriegst, kriegst du auch eine drüber. Dann hast du ein Spiel verloren, aber nicht die Meisterschaft."

Freilich, so gut sieht es in der "Meisterschaft" nicht aus, einzig im Parallel-Riesenslalom scheint ein Erfolg sehr realistisch. In Alta Badia gewann der Norweger Rasmus Windingstad, Roland Leitinger wurde Dritter - hat also noch die Chance auf eine kleine Kugel. Legt Elisa Mörzinger im letzten Parallel-Bewerb der Damen nicht eine weitere Überraschung nach, könnte Leitinger für die mit ziemlicher Sicherheit einzige Technik-Kugel des ÖSV in diesem Winter sorgen. Puelacher will sich einen möglichen Sieg sicher nicht kleinreden lassen. "Wenn du eine Kugel gewinnst, ist es super", betonte er. "Sie ist gleich viel wert."

Nun, je nachdem, wie man es sieht. Fakt ist aber auch, dass der erste Sieg (nach bereits neun Saisonrennen) im Slalom noch aussteht. Knapp dran war nur Marco Schwarz als Zweiter in Kitzbühel und natürlich zuletzt in Schladming, als der Kärntner als Halbzeitführender bereits nach wenigen Toren ausschied. Auf Schwarz kommt daher in Chamonix, dem Ort der ersten Olympischen Winterspiele (1924), eine mentale Herausforderung zu, die Puelacher aber nicht beunruhigt. "Der weiß , was er kann. Er fährt ja eine Top-Saison." Dass sein Ausrutscher ausgerechnet im größten Slalomrennen des Winters passierte, soll laut Puelacher die Aufgabe nicht zusätzlich erschweren. "Das sind alle Profis. (Alexis) Pinturault fädelt in Wengen ein und gewinnt in Garmisch."

Aber es gibt auch Licht am Horizont, klopfen doch mit Adrian Pertl (23) und Fabio Gstrein (22) zwei Junge an der Weltelite an, wobei beide eine Top-Ten-Platzierung vorzuweisen haben. Geht es nach Schröcksnadel, so soll Burschen wie ihnen in Zukunft die "Ochsentour" über den Europacup erspart bleiben. "Wenn einer gut ist, kommt er in den Weltcup", erklärte der Präsident. Die Frage ist freilich, ob in Zeiten wie diesen noch viel nachkommen kann? Gut möglich, dass Girardelli recht hat, wenn er schreibt: "Skifahren ist teuer, Skifahren ist riskant. Beim Training sehe ich heute nur eines: Carven. Schlimmer als Schwimmen ist das. Buckelpiste oder Tiefschneefahren können viele nicht mehr. Das schult die Technik und macht Spaß." Denn: "Richtig gut wirst du nur mit Spaß."