Der Nationencup war ja zuletzt in aller Munde. Jahrzehntelang hatte kaum jemand großes Interesse an dieser Wertung gezeigt, bis jetzt, wo sich andere anschicken, den dominierenden Österreichern zum ersten Mal seit 1990 den Rang abzulaufen - allen voran die Schweizer. Dass das so ist, war am Freitag in Crans Montana wieder zu beobachten. Hier hat die Ersatzabfahrt für Sotschi einen Heim-Doppelerfolg für die Eidgenossen gebracht. Hinter Überraschungssiegerin Lara Gut-Behrami sowie Corinne Suter lieferte Stephanie Venier am Freitag als Dritte ein Positiv-Ergebnis für die ÖSV-Damen ab.

Für Gut-Behrami war es sogar der erste Weltcup-Sieg seit über zwei Jahren. Dabei war das Rennen in Crans wie so oft geprägt von einer wegen starker Sonneneinstrahlung aufweichenden Piste. Immer wieder rutschten Soldaten auf Ski mit ihren skurrilen Brezelsalz-Gebläsen über die Strecke. Trotzdem musste die Abfahrt nach einem Sturz der Österreicherin Elisabeth Reisinger lange unterbrochen werden. Die Europacup-Gesamtsiegerin aus Oberösterreich, zuletzt in Garmisch und Bansko beste ÖSV-Matadorin, wurde vom Notarzt-Hubschrauber zur Untersuchung nach Sion geflogen - bittere Diagnose: Kreuzbandriss im linken Knie. Nach Christine Scheyer ist damit der nächste ÖSV-Ausfall zu beklagen.

Auf dem Sonnenhang im Wallis sind ja eigentlich vordere Startnummern grundsätzlich ein Vorteil. Trotzdem schaffte es Gut-Behrami mit der 18 ganz nach vorne, mit acht Zehnteln vor Suter fiel der erste Abfahrtssieg seit über drei Jahren der nach ihrer Heirat mit dem Fußballer Valon Behrami mancherorts schon abgeschriebenen Gesamt-Weltcupsiegerin von 2015/16 sogar recht deutlich aus. "Wenn die Lockerheit wieder da ist und sich das Skifahren leicht anfühlt, ist man wieder schnell", meinte die 28-jährige Tessinerin. "Ich spüre seit Wochen, dass vieles zusammenkommt. Ich bin nun im Rennen nicht mehr am Überlegen, sondern am Skifahren."

Dass ausgerechnet beim Heimrennen eine Schweizerin der anderen den Sieg wegschnappte konnte nicht verhindern, dass Suter nun am Samstag erstmals und vorzeitig die Abfahrts-Weltcupkugel gewinnen kann. Bei 120 Punkten Vorsprung auf Ester Ledecka kann die Zauchensee-Siegerin Suter nach fünf Stockerlplätzen vor dem Finale alles klarmachen. Suter wäre die erste Abfahrts-Weltcupsiegerin aus der Schweiz seit Chantal Bournissen 1991.

Für die mit Nicole Schmidhofer die Titelverteidigerin stellenden ÖSV-Damen ist diese Möglichkeit dahin. Platz drei für Venier war für die im Vorjahr so erfolgsverwöhnte Speed-Damen aber ein absoluter Lichtblick, war es doch der vierte Stockerlplatz des Winters und der erste in der Abfahrt seit dem Jahreswechsel überhaupt. Für Venier war es wiederum der erste Stockerlplatz seit Rang drei Anfang Dezember in Lake Louise. "Ich hatte zwar wieder Fehler, die haben mich aber noch schneller gemacht", so die Tirolerin. "Mit Platz drei muss man zufrieden sein. Morgen muss ich oben sauberer fahren und vor dem Ziel etwas direkter. Dann schaut es gut aus", sagte die Vizeweltmeisterin.

Hoffnungen aufs Stockerl hatte sich auch Nina Ortlieb nach ihrer überlegenen Trainingsbestzeit gemacht. Platz sechs bedeutet zwar das zweitbeste Saison- und Karriere-Ergebnis für die Aufsteigerin, Ortlieb war dennoch nur bedingt happy. "Nach so einem Training weiß man, dass man eine Chance hat. Deshalb ärgere ich mich über meine Fehler", erklärte die Oberlecherin. "Wenn man ganz vorne mitspielen will, darf man sich das nicht erlauben."

Shiffrin muss bangen

Die Originalabfahrt am Samstag beginnt um 10.30 Uhr (ORF1) und damit eine halbe Stunde später. Trotz der Höhenlage ist daher erneut mit sehr schwierigen Pistenverhältnissen zu rechnen. Die wegen des Todes ihres Vaters weiterhin fehlende Mikaela Shiffrin hat in der Gesamtwertung nur noch 77 Punkte Vorsprung auf die Tages-Siebente Federica Brignone (Ita) und 104 auf die slowakische Technik-Spezialistin Petra Vlhova, die am Freitag als Abfahrts-Vierte überraschte. Vor allem aber wird am Samstag wieder mit den Eidgenossen zu rechnen sein. Im Nationencup ist das ja nichts Neues mehr.(rel/apa)