Seit Sonntag, kurz vor 14 Uhr, gibt es eine neue Führende im Damen-Gesamtweltcup: Mit ihrem Sieg in der Kombination von Crans Montana hat die Italienerin Federica Brignone die Wachablöse im Damen-Rennsport vollzogen und die große Kugel-Favoritin Mikaela Shiffrin um 73 Punkte überflügelt - und das nach 29 von 40 Rennen. Ebenso überraschend ist der Zwischenstand kurz vor Saisonschluss bei den Herren: Dass der Nachfolger von Achtmalgewinner Marcel Hirscher nicht Alexis Pinturault oder Henrik Kristoffersen heißen könnte, hätte wohl vorab kein einziger der fachkundigen Ski-Experten zu prophezeien gewagt. Daher ist die Pole Position des Norwegers Aleksander Aamodt Kilde umso überraschender. Ebenfalls elf Rennen vor Ski-Schluss hat der 27-Jährige nun alle Trümpfe in der Hand, seinen 74-Punkte-Polster auf Kristoffersen auch sicher ins Ziel nach Cortina zu bringen.

Der Führungswechsel bei den Damen ist freilich einem tragischen Umstand geschuldet: Nach dem überraschenden Tod ihres Vaters Jeff (65), der bei Dacharbeiten am Haus verunglückt war, hat Shiffrin keine Rennlatten mehr angeschnallt - ihren letzten Weltcup-Einsatz hatte sie am 26.Jänner in Bansko, als sie nach der Abfahrt auch den Super G für sich entschied. Weltcup-Insider bezweifeln mittlerweile, dass die 24-Jährige in dieser Saison noch einmal im Rennanzug zu sehen sein wird. Demzufolge gäbe es erstmals seit 2015/16 (Lara Gut) wieder eine neue Gesamtweltcupsiegerin.

. . . und Aleksander Aamodt Kilde. - © apa/Gindl
. . . und Aleksander Aamodt Kilde. - © apa/Gindl

Vlhova zeigt Nerven

Doch nicht die gleichaltrige Slowakin Petra Vlhova, die Shiffrin heuer schon im Stangenwald zur Verzweiflung gebracht und zudem in den Speedbewerben stark aufgeholt hatte, tritt programmgemäß in die Fußstapfen der US-Amerikanerin, sondern die unscheinbare 29-jährige Italienerin Brignone. In dieser Saison hat die Mailänderin bereits fünf Siege gefeiert - und zwar in drei Disziplinen (Riesentorlauf, Super G und Kombination), was die Allrounder-Qualitäten Brignones unterstreicht.

Bei ihrem 15. Weltcuperfolg am Sonntag profitierte die Italienerin allerdings auch vom Ausfall Vlhovas, die nach Rang zwei im Super G auf dem Weg zum Sieg im Slalom einfädelte - und damit auch Rang zwei für die Ötztalerin Franziska Gritsch freimachte (+0,92).

"Es war ein guter Kampf. Ich bin sehr zufrieden", meinte die neue Weltcupleaderin anschließend im Ziel, gleichzeitig beteuernd, dass die Gesamtwertung nicht im Hinterkopf mitgefahren sei: "Ich denke nur an dieses Rennen und diesen fantastischen Tag." Ihr Punkte-Polster (auf Vhlova sind es 159 Zähler) könnte sie kommendes Wochenende in La Thuile, unweit ihrer Heimat, kräftig ausbauen, finden doch Kombination und Super G statt.

Kilde kann öfter punkten

Auch Kilde könnte bei den Herren kommendes Wochenende schon eine kleine Vorentscheidung herbeiführen, geht es doch wieder nach Hinterstoder. In dem oberösterreichischen Skiort gewann der 27-Jährige vor vier Jahren schon den Super G; und im Gegensatz zu den programmierten Kugel-Duellanten Kristoffersen und Pinturault hat das Speed-Ass auch ein aussichtsreiches Restprogramm.

Denn nach der (ersatzlosen) Absage des Slaloms in Naeba stehen bis zum Finale am 22. März noch zwei Abfahrten (Kvitfjell, Cortina), drei Super G (Hinterstoder, Kvitfjell, Cortina) und eine Kombination (Hinterstoder) auf dem Programm. Zudem kann Kilde mittlerweile auch im Riesentorlauf mächtig punkten: Mit Rang sechs am Samstag in Naeba landete er klar vor Pinturault (15.) und unmittelbar hinter Kristoffersen (5.). Letzterer bestritt bisher keine Speedrennen und könnte daher nur mehr bei den restlichen drei Riesentorläufen (Hinterstoder, Kranjska Gora, Cortina) und zwei Slaloms (Kranjska Gora, Cortina) voll punkten.

Macht der (erst vierfache Weltcupsieger) Kilde heuer tatsächlich das Rennen, wäre dies auch insofern eine große Sensation, als es bis vor kurzem noch als aussichtslos galt, dass ein Speed-Pilot die große Kristallkugel holt. Der letzte Abfahrer, dem dies gelang, war übrigens 2008/09 ein gewisser Aksel Lund Svindal.