Der alpine Ski-Winter neigt sich unwiderruflich dem Ende entgegen – und mit ihm geht auch der spannendste Kugelkampf seit gut einem Jahrzehnt auf die Zielgerade: Im Gesamtweltcup der Herren sind die ersten Drei lediglich durch 107 Punkte getrennt – nach seinem Hinterstoder-Furioso kletterte Alexis Pinturault (1148 Punkte) wieder an die Spitze, dicht gefolgt von Aleksander Aamodt Kilde (1122) und dessen norwegischen Landsmann Henrik Kristoffersen (1041).

Am Wochenende kann sich in Kvitfjell allerdings wieder alles drehen, denn nach zweimaliger Abfahrtsbestzeit geht Kilde als großer Favorit in die beiden Speedrennen auf der Olympiastrecke von Lillehammer 1994. Es werden die letzten beiden in diesem Winter sein, wurde doch das Weltcupfinale in Cortina wegen der Ausbreitung des Coronavirus abgesagt.

Diese Entscheidung trafen die italienischen Veranstalter, noch bevor der Weltverband eine Entscheidung bekannt gab. Unter anderem der ÖSV hatte sich vehement gegen eine Austragung ausgesprochen und das Abwarten der FIS hart kritisiert. Die Technikrennen in einer Woche in Kranjska Gora sollen nach derzeitigem Stand wie geplant über die Bühne gehen.

Dass der Sieg in der Spezialabfahrt (Samstag, 11 Uhr/ORF 1) über die Norsker führen wird, ist kein großes Geheimnis, weil sie ebendort seit Jahren nur schwer zu schlagen sind. Kilde war daher am Freitag standesgemäß Schnellster vor seinem Landsmann Kjetil Jansurd (+0,12) – der Rest der Welt hatte dann schon Respektabstand (Dritter wurde Nicolas Raffort mit 0,80 Sekunden Rückstand). Bei den ÖSV-Fahrern blieb mit Daniel Hemetsberger als Vierter ein einziger unter einer Sekunde Rückstand (+0,93).

Kugel an Feuz

Vincent Kriechmayr (6./+1,15) war darob etwas konsterniert: "Ein paar Passagen bin ich ganz gut gefahren, vor allem oben. Der Rückstand ist schon nicht klein", meinte der Mühlviertler, der den Heimvorteil der Norsker als Kriterium ansprach. "Dass ihnen die Strecke liegt, wissen wir. Wir haben auch in Hinterstoder trainiert, das war für uns ein Vorteil. Aber Athleten wie Beat Feuz legen sicher noch ein Schäuferl nach." Er selbst könne viele Passagen noch besser fahren, aber: "Eine Sekunde finde ich jetzt nicht."

Matthias Mayer (19./+1,75) hat an sich höhere Ziele, erkennt aber die neuerliche norwegische Demonstration an. "Sie haben im Training richtig Gas gegeben, ihren Heimvorteil gezeigt und wollen uns offensichtlich Respekt machen." In der Disziplinenwertung werden die Norweger am Samstag aber ganz sicher nichts zu jubeln haben, denn dort hat Feuz die Kugel durch die Cortina-Absage schon jetzt sicher. Spannend wird es hingegen im Super G am Sonntag (10.30 Uhr/ORF 1) – vor allem aus rot-weiß-roter Sicht: Denn in diesem Bewerb gibt es die einzige und letzte Chance auf eine Kristallkugel in dieser Weltcupsaison.

Leader Mauro Caviezel aus der Schweiz und den Fünften Jansrud trennen nur 60 Punkte; Kriechmayr fehlen nach dem Sieg in Hinterstoder nur drei Punkte auf den Spitzenreiter, Mayer als Viertem 41. Auch Kilde ist mit 29 Zählern Rückstand voll dabei.

Anders als in der Abfahrt sieht Kriechmayr die Norsker im Super G nicht so im Vorteil: "Sie kennen den Hang sehr gut, aber unschlagbar sind sie auf keinen Fall. Ich glaube, dass wir auf alle Fälle mithalten können."

Die Kristall-los-Bürde

Es liegt an ihm und Mayer, die erste Weltcup-Saison ohne eine einzige Kristallkugel für den ÖSV seit 33 Jahren (inklusive Nationencup) zu verhindern. Mayer will sich von dieser Bürde nicht unter Druck setzen lassen: "Statistiken kann man für alles ausgraben. Das wissen wir wohl mittlerweile schon zur Genüge. Um das kümmern wir uns aber nicht wirklich, das ist die Aufgabe der Journalisten", meinte der im Juni 30 Jahre alt werdende Kärntner. "Wir schauen, dass wir das Beste rausholen, das probieren wir sowieso immer. Auf jeden Fall ist die Kugel ein großes Ziel, dafür kann man eh nur Gas geben. Deshalb ist das Rennen hier am Sonntag sicher ein ganz entscheidendes."