Im Oktober, zu Beginn der Saison eins nach der Ära Marcel Hirscher, hatte sich ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel in Sachen Kristallkugelgewinn und Nationenwertung noch "einiges ausgerechnet". Nun, fünf Monate später, stehen die Damen und Herren der Alpinabteilung des Verbands mit leeren Hände da. Die corona- und wetterbedingten Absagen der Weltcups in Cortina (Abfahrt, Super G, Riesentorlauf und Slalom) und nun in Kvitfjell (Super G) haben auch die letzten Hoffnungen auf Kristall zerstört, ein Debakel, wie es die selbst ernannte Skination Österreich seit 1987 nicht erlebt hat.

Freilich, Schuld mag aus Sicht des ÖSV auch das norwegische Fernsehen tragen. Hätte sich dieses nicht gegen eine Verlegung des Rennens auf Montag quergelegt, wer weiß? Der Gewinner der Super-G-Disziplin würde vielleicht nicht - wie seit Sonntag feststeht - Mauro Caviezel (Sz), sondern Vincent Kriechmayr heißen. Nur drei Punkte trennten ihn von der kleinen Kristallkugel. Es wäre eine letzte Chance für den ÖSV gewesen, liegen doch in den übrigen Disziplinen die Führenden de facto außer Reichweite, es sei denn bei den Damen geschieht noch ein Wunder und Elisa Mörzinger und Co. schlagen im Parallel-Bewerb und in der Frauen-Teamwertung (bei gleichzeitigem Aussetzen der Konkurrenz freilich) noch einmal zu. Kommt es dazu nicht, heißt das für die ÖSV-Equipe (bei aktuell 30 Saison-Stockerlplätzen) das schlechteste Abschneiden seit der Saison 1986/87, als man im Weltcup nur 27 Mal den Sprung unter die ersten drei schaffte und ohne Einzel-Kristall und Sieg in der Nationenwertung blieb.

Dementsprechend enttäuscht zeigte sich daher Kriechmayr, gab aber dennoch den fairen Verlierer. "Es ist schade. Ich habe durchaus die Chance gehabt, die drei Punkte im Laufe der Saison gutzumachen. Mauro war drei Punkte besser, man kann ihm nur gratulieren", sagte er in Kvitfjell und gab zu, mit der Saison - trotz der Siege in Gröden und Hinterstoder - nicht zufrieden zu sein. "Ich bin jetzt dreimal hintereinander Zweiter im Super-G-Weltcup, das ist sehr gut, aber nicht gut genug."

Saalbach-Ausfall kostete viel

So gesehen, darf man tatsächlich nicht nur dem Virus, dem Wetter oder auch dem norwegischen TV die Schuld geben, haben doch die Österreicher die Kugel nicht unbedingt in Kvitfjell, sondern über die ganze Saison verteilt verloren. ÖSV-Herren-Rennsportleiter Andreas Puelacher sieht es fehlender Konstanz geschuldet. "Wir waren wieder nicht bereit, sind Zweiter im Super G und Dritter in der Abfahrt. Wir hatten gute Rennen mit fünf Speed-Siegen, das hat keine andere Nation, aber sind leider an der Konstanz gescheitert", sagte er. Zu den Kriechmayr-Erfolgen kommen die Abfahrtssiege von Matthias Mayer in Kitzbühel und Kvitfjell und dessen Erfolg im Super G von Lake Louise hinzu. Für den Doppel-Olympiasieger ist es der erfolgreichste Weltcupwinter überhaupt, aber so ist das Leben. Mayer, der noch dazu durch eine Grippe-Erkrankung zurückgeworfen worden war, blickt dennoch ohne Groll auf die Saison: "Ich bin wirklich sehr zufrieden damit, ich hatte von Beginn an eine super Konstanz. Das Highlight war der Sieg in Kitzbühel", meinte er und fügte achselzuckend hinzu: "Der Ausfall in Saalbach ist schade, so habe ich die Kugel versäumt."

Daran können auch die Rennen am Wochenende in Kranjska Gora (Riesentorlauf und Slalom) nichts ändern. Im Jahr eins nach dem Rücktritt von Hirscher gibt es damit für den ÖSV nicht nur keine Kristallkugel, auch im Nationencup (der an die Schweiz geht) ist nach 30 Siegen in Folge Schluss. Seit 2012 gewann Hirscher achtmal den Gesamtweltcup sowie je sechs Mal die Riesentorlauf- und Slalomwertung. Einzige weitere heimische Sieger waren 2012 im Slalom Marlies Schild (nun Raich) und in der Abfahrt Klaus Kröll, 2014 und 2015 jeweils in der Gesamtwertung und dem Riesentorlauf Anna Fenninger (nun Veith), 2016 im Riesentorlauf Eva-Maria Brem und 2019 in der Abfahrt Nicole Schmidhofer.(rel/apa)