Die Fernsehstationen blendeten rasch weg und vermieden auch Zeitlupen-Wiederholungen - wohl aus Respekt vor der Athletin. Dabei täten insbesondere die Sicherheitsverantwortlichen der FIS gut daran, beim Horrorsturz von Nicole Schmidhofer am Freitag in der Abfahrt von Val d’Isere genau hinzuschauen, denn womöglich existiert hier eine gravierende Sicherheitslücke im alpinen Ski-Weltcup. Nicht anders ist zu erklären, dass die 31-jährige Steirerin bei Tempo 115 das Sicherheitsnetz mit den Skiern durchschneiden und also diese Schutzbarriere durchbrechen konnte.

Musste man sich zunächst schon auf das Schlimmste gefasst machen - denn Schmidhofer war hinter der Plane nicht mehr zu sehen, und dahinter befinden sich hohe Nadelbäume -, gab es dann via Funkspruch der Super-G-Weltmeisterin von 2017 etwas Entwarnung. Faktum ist, dass Schmidhofer zwar verletzt wurde, aber verhältnismäßig glimpflich davon gekommen ist (mit einer Knieverletzung) - und damit der Ski-Zirkus haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammte. Schließlich weckte ihr Horrorsturz traurige Erinnerungen an jenen von ÖSV-Abfahrer Gernot Reinstadler, der 1991 im Training von Wengen tödlich verunglückte, weil er sich mit einem Ski im Schutznetz des Ziel-S der Lauberhornabfahrt verfangen hatte.

Doch auch der französische Traditionsskiort war schon einmal Schauplatz eines folgenschweren Rennunfalls im Zusammenhang mit mangelhafter Pistenabsicherung: Der Schweizer Silvano Beltrametti rutschte anno 2001 ebenfalls unter dem Netz durch, landete im Wald und zog sich einen Bruch des 6. und 7. Brustwirbels zu - er ist seither querschnittgelähmt. Und auch auf der Kitzbühler Streif kam es 1989 zu einem grauenvollen Rennunfall, der dem Kanadier Brian Stemmle beinahe das Leben gekostet hätte: Bei der Steilhang-Ausfahrt verfing sich ein Ski im Sicherheitsnetz, Stemmle wurde brutal gestoppt und zog sich dabei einen Beckenbruch sowie einen Darmriss zu. Seither gelten abweisende Planen als Goldstandard an heiklen Stellen (Bode Miller befuhr 2008 jene an selber Stelle sogar mit beiden Brettern).

Auf Plane in Höhe geschossen

Auf den TV-Bildern zum Schmidhofer-Vorfall ist deutlich zu erkennen, dass sie auf die gut zwei Meter hohe Plane auffährt - wobei die Skispitzen nach oben zeigen. Dadurch schießt Schmidhofer förmlich in die Höhe und durchschneidet in weiterer Folge mit ihren scharfen Kanten das darüber befindliche A-Netz. Zum Glück hielt aber das dahinter angebrachte zweite A-Netz dem Druck stand, ansonsten wäre die 31-jährige Steirerin im Wald gelandet. "Sie ist im zweiten hängengeblieben und dann zwischen den beiden Netzen gelegen", erklärte ÖSV-Damen-Rennsportleiter Christian Mitter zu der dramatischen Situation. Von dieser schwer zugänglichen Stelle wurde Schmidhofer dann per Akja geborgen.

Unmittelbar vor ihrem Sturz - der nach der tückischen Kompression im Zielhang passierte, wo es auch einen ständigen Licht-Schatten-Wechsel gibt - hatte sie einen leichten Schlag bekommen. "Dann ist es sich nicht mehr ausgegangen, dann war das Netz da", analysierte Mitter. Nachsatz: "Dass es dort eng wird zum Netz, ist bekannt." Auch andere Fahrerinnen hatten am Freitag mit besagter Stelle ihrer Probleme: Gesamtweltcup-Siegerin Federica Brignone aus Italien, die Schweizerin Joana Hählen und die US-Amerikanerin Alice McKennis kamen ebenfalls zu Sturz, blieben aber allesamt unverletzt.

Verdacht auf Kreuzbandriss, Abschürfung im Gesicht

Freitagnachmittag hieß es, dass die Lachtalerin möglicherweise einen Kreuz- und Seitenbandriss im linken Knie erlitten hätte - dazu Abschürfungen im Gesicht. Im Spital wurde sie zudem routinemäßig auch an Kopf und Wirbelsäule untersucht. Dabei hatte sie erst vor kurzem eine Corona-Infektion überstanden gehabt, klagte aber immer noch über Nachwirkungen - insbesondere über starke Kopfschmerzen.

Schmidhofers Sturz überschattete letztlich den Damen-Speed-Auftakt in dieser Saison - und somit den Sieg von Kristall-Titelverteidigerin Corinne Suter. Die Schweizerin setzte sich 0,11 Sekunden vor der Italienerin Sofia Goggia und 0,20 vor der US-Amerikanerin Breezy Johnson durch. Beste Österreicherin wurde Nina Ortlieb als Fünfte (+0,97), Tamara Tippler landete auf Platz sieben (+1,25). Insbesondere für Ortlieb war es heikel, musste sie doch kurz nach der Unterbrechung ob Schmidhofers Sturz ins Rennen gehen. "Ich habe den Sturz nicht mehr gesehen, weil ich ja zwei Nummern dahinter kam. Ich war dann aber sehr erleichtert, als ich sie am Funk hörte. Sie hat gesagt, die Piste ist in Ordnung, man kann attackieren", erzählte die Vorarlbergerin, die bei der zweiten Abfahrt am Samstag noch weiter vorne landen will.

Dann soll in der verhängnisvollen Passage ein Tor versetzt werden, damit der Winkel zum Netz flacher wird - und sich Horrorstürze à la Schmidhofer nicht wiederholen können.