So hatte sich Hermann Doppelreiter, seit Februar 2020 neu gewählter Bürgermeister des Luftkurortes Semmering, den Beginn der Wintersaison am Hausberg der Wiener wohl nicht vorgestellt. Die Lifte nicht in Betrieb, die Hotels verwaist, die Geschäfte geschlossen - nichts ist in diesem Winter so, wie es einmal war. Normalerweise herrscht auf der Passhöhe rund um Weihnachten bereits reges Treiben, wenn der Ski-Weltcup der Damen hier gastiert, sogar noch mehr. Aber die Corona-Pandemie hat auch am Hirschenkogel ihre Spuren hinterlassen - Spuren, die beim kommenden Spektakel am 28. und 29. Dezember, wenn der Weltcup am Semmering sein 25. Bestandsjubiläum feiert, besonders sichtbar sein werden.

In der Gemeinde ist man froh, dass die Rennen überhaupt stattfinden können. Ein eigens von Behörden und Organisationskomitee erstelltes Präventionskonzept soll nicht nur das geplante Sportereignis, sondern die Wintersaison als Ganzes ermöglichen, auch in Zeiten des harten Lockdowns. Regelmäßige Tests, Kontaktbeschränkungen und Hygienemaßnahmen gehören hier ebenso dazu wie die Vorbereitungen auf medialer Ebene, um den Damen-Weltcup mangels zugelassener Fans zum Live-TV-Event für die ganze Familie zu machen, wie OK-Chef Franz Steiner erklärte. Folglich werden der Riesentorlauf am Montag (9.30/ 12.45 Uhr) sowie tags darauf der Nachtslalom (14.45/18.20 Uhr) vom ORF in die Wohnzimmer der Republik übertragen.

Dabei wird es freilich auch die eine oder andere historische Reminiszenz geben. Von Anfang an beim Semmering-Weltcup mit dabei war OK-Boss Steiner. "Die ersten Rennen im Jahr 1995 werden uns allen natürlich immer als etwas ganz Besonderes im Gedächtnis bleiben. Alles war neu und nicht zu vergleichen mit den bisher von uns organisierten Skirennen, der Aufwand war enorm und ohne die vielen Unterstützerinnen und Unterstützer wäre es von Anfang an nicht gegangen", erinnert er sich 25 Jahre später. Tatsächlich waren die ersten Damenslaloms, die am 29. und 30. Dezember 1995 noch am sogenannten Westhang ausgetragen wurden, ein voller Erfolg. Trotz eisiger Temperaturen waren tausende Fans auf den Semmering gepilgert, um Elfi Eder bei ihrer Siegesfahrt zuzusehen. Es sollte mit Slalom-Kristall übrigens die letzte erfolgreiche Saison der Salzburgerin werden. Weil sie sich mit dem ÖSV überwarf, ging Eder 1998/99 für den Karibikstaat Grenada (der hierfür sogar eigens einen Skiverband gründete) an den Start, erreichte aber ihr altes Leistungsniveau nicht mehr. Beim Slalom am Semmering wurde sie Elfte.

Die goldenen Nullerjahre

Aber nicht nur Elfi Eder wird das Spektakel, das der Semmering an diesem denkwürdigen 28. Dezember 1998 - seit damals wird der Damen-Weltcup alternierend mit Lienz ausgetragen - geboten hat, wohl nicht vergessen. Nicht nur wurden die Rennen erstmals auf der neuen Panoramapiste ausgetragen, auch feierte der Nachtslalom bei modernstem Flutlicht am Semmering Premiere. Damit war der Weltcup im südlichen Niederösterreich zu einem großen Event angewachsen, das nicht nur mehr als 10.000 Zuschauer, sondern auch Künstler und Prominenz anzog. So entwarf der Maler Ludwig Attersee 1998 zum ersten Mal das Motivbild zur Veranstaltung, wobei vielen heute sein angeblich sexistisches Sujet für den Weltcup 2018 in Erinnerung blieb. Legendär war der Semmering aber auch wegen des Rahmenprogramms, für das Interpreten wie Wolfgang Ambros oder Andreas Gabalier gewonnen werden konnten. Dieses Paket aus Sport und Unterhaltung sorgte 2002 mit 24.000 Besuchern für einen bis heute unerreichten Zuschauerrekord.

Die Fankulisse könnte nicht zuletzt auch die heimischen Ski-Damen endlich zu Höchstleistungen angespornt haben. War das Stockerl bis dahin in weiter Ferne geblieben (mit Ausnahme eines dritten Platzes für Nicole Hosp 2002), so feierte der ÖSV fortan fulminante Erfolge. 2004 gelang Marlies Schild mit Siegen in Riesenslalom und Nachtslalom ein Doppelpack, zwei Jahre später führte Katrin Zettel sogar im Riesentorlauf einen Dreifachsieg an. Am 28. Dezember 2012 ging hier wiederum der Stern von Anna Veith (damals Fenninger) auf: Sie holte sich den Titel im Riesenslalom. Wie ein schlechtes Omen wirkt da rückblickend die witterungsbedingte Absage des Weltcups 2014. Seither gab es am Semmering keinen rot-weiß-roten Erfolg mehr. Dafür trug sich die US-Amerikanerin Mikaela Shiffrin als Triple-Siegerin (zwei Mal Riesenslalom, ein Mal Slalom) in die Weltcup-Annalen ein - die Übernahme eines Termins aus Courchevel machte dies möglich. 2018 triumphierte Shiffrin erneut im Slalom, der aufgrund von Terminkollisionen erstmals nicht unter Flutlicht durchgeführt wurde.

Dabei konnten die Veranstalter noch von Glück reden, dass 2018 die Rennen überhaupt abgehalten wurden. Ein Konkursantrag der Krankenkasse samt angedrohter Pfändung sowie technische Mängel brachten die lokale Panhans-Holding und die dazugehörenden Bergbahnen Ende 2017 in schwere Bedrängnis, sodass der Betrieb durch das Land Niederösterreich aufgefangen werden musste. Seither ist es rund um dieses Kapitel ruhiger geworden, eine Strategie, wie man den Semmering wieder zu altem Glanz verhelfen könnte, gibt es noch nicht. So gesehen ist die heurige "Corona-Pause" zum 25. Jubiläum für Bürgermeister Doppelreiter, OK-Chef Steiner und Co. vielleicht auch eine Chance.