Zugegeben, es ist ein bisschen fad, im Sport stets die Phrase vom Nahebeieinanderliegen von Freud und Leid zu bemühen. Wie schnell sich die Dinge ändern können, ist ebenfalls nichts wirklich bahnbrechend Neues. Dass dennoch beides seine Berechtigung hat, zeigt nicht zuletzt die Vierschanzentournee der Skispringer, die nach drei Bewerben nun nach Bischofshofen übersiedelt, wo am Dienstag die Qualifikation (16.30 Uhr) und am Mittwoch (16.45 Uhr) der abschließende Höhepunkt auf dem Programm stehen.

Denn hatte es vor dem Auftakt in Oberstdorf geheißen, die polnischen Skispringer dürften aufgrund eines positiven Corona-Tests in ihrem Team durch Klemens Muranka gar nicht teilnehmen, greifen sie nun nach ihrem insgesamt fünften Gesamtsieg. Kamil Stoch führt nach seinem Sieg in Innsbruck am Sonntag vor seinem Landsmann Dawid Kubacki und dem Norweger Halvor Granerud, der als bisheriger Höhenflieger der Saison als Favorit in die Tournee gegangen war. Die Österreicher, im Vorfeld der Tournee Corona-gebeutelt, haben im Kampf ums Stockerl nichts mehr mitzureden, Bester und Einziger in den Top Ten ist Philipp Aschenwald als Neunter.

Während die Skisprung-verrückten Polen, bei denen der jetzige Sportdirektor und frühere Tournee-Sieger Adam Malysz als Volksheld gilt und die danach noch zweimal durch Stoch sowie im Vorjahr Kubacki zugeschlagen haben, über die Doppelführung jubeln, schwankte die Stimmung bei Granerud nach seinem 15. Platz zwischen Frustration und Wut. "Ich habe das Gefühl, dass die Bedingungen die ganze Tournee für die Polen günstig waren. Es war furchtbar nervig, Kamil Stoch wieder gewinnen zu sehen", sagte Granerud zunächst dem norwegischen TV-Sender "TV2". Die Nachfrage, ob die Polen mehr Glück hatten als er, beantwortete der 24-Jährige so: "Sie hatten definitiv mehr Glück als ich, aber heute hatten sie auch mehr Glück als (Karl, Anm.) Geiger."

Mit den letzten zwei Sprüngen beim Finale in Bischofshofen am Mittwoch müsste Granerud etwa 11,4 Meter weiter springen als Stoch. Das traut er sich selbst offenbar zu. Denn Stoch sei "so instabil, dass es gutgehen sollte - oder gutgehen kann", stichelte Granerud. Sein Trainer, der Tiroler Alexander Stöckl, sieht die Ausgangslage eine Spur nüchterner. Stoch sei sehr erfahren und in guter Form. "20 Punkte sind sehr viel."

"Schade, wenn Polen nicht dabei wäre"

Den Ärger seines Athleten könne er nachvollziehen, sagte Stöckl, noch bevor er Graneruds Wut-Interview gesehen hatte. "Das ist die Frustration des Augenblicks. Das verstehe ich. Wenn du das Gefühl hast, dass du es nicht mehr selbst im Griff hast, sondern die Umstände, dann tut das einfach weh."

Die Bergisel-Schanze hatte zuvor wieder einmal ihre Tücken demonstriert. Nach nur 116,5 Metern setzte Granerud im ersten Durchgang auf, was gerade noch Rang 29 bedeutete. Dabei sei er kompletter Windstille im unteren Teil ausgesetzt gewesen, betonte Stöckl. "Da hast du am Bergisel so was von keine Chance. Da holt es dich so dermaßen runter. Das ist dann wirklich bitter, wenn du um den Gesamtsieg kämpfst und dann an den Verhältnissen scheiterst." Das sei im Freiluftsport Skispringen auch einfach Pech. "Unfair kann man nicht sagen, es war alles innerhalb vom Windkorridor. Für das kann man niemandem die Schuld geben."

Auf dem Weg zum ersten Tourneetitel eines Norwegers seit 14 Jahren funken just die kurzzeitig aller Chancen beraubten Polen dazwischen. Er habe es befürwortet, die starken Polen wieder zuzulassen, sagte der Trainer angesichts der zwischenzeitlichen Kollektiv-Sperre nach dem Corona-Fall. "Wir brauchen die Polen, es wäre schade fürs Skispringen, wenn sie nicht dabei sein könnten. Aber wir haben natürlich einen starken Gegner zurückbekommen." Und es ist ein starker Gegner, dem dann auch Granerud vor dem Dreikönigsspringen nolens volens auch Respekt zollt. Er sei "frustriert mit dem Ergebnis gewesen - und das bin ich immer noch", schrieb der Norweger später auf Twitter. Stoch allerdings halte er "nach wie vor für einen ganz Großen". Dieser könnte das nach seinem Olympiasieg und seinen zwei bisherigen Tournee-Siegen noch einmal unter Beweis stellen. Das Blatt hat sich gewendet. Auch so eine Phrase.(art)