Der Golfkrieg 1991 hätte vor 30 Jahren beinahe zur Absage der Hahnenkammrennen geführt - nicht wegen einer unmittelbaren Gefahr, sondern aus moralischen Bedenken, in Kriegszeiten solche Massenspektakel abzuhalten. Der Schweizer Franz Heinzer, der sich kurz darauf bei der ebenso an der Kippe stehenden Ski-WM in Saalbach Abfahrtsgold schnappte, wird wohl noch heute dankbar sein, dass die damalige Bundesregierung Kitzbühel trotz aller Widerstände ermöglichte, schließlich raste Heinzer zu seinem ersten Streif-Sieg. Und auch heuer werden - so nicht noch plötzlich Unvorhersehbares auftaucht - die Hahnenkammrennen über die Bühne gehen. Trotz Corona. Was Kitzbühels OK- und Skiclub-Präsident Michael Huber beim ersten Lockdown im März 2020 noch als utopisch betrachtete, nämlich in einer Pandemie die Streif runterzubrettern, wird mit dem ersten Training am Mittwoch Realität. Jetzt erst recht wegen Corona. Denn die Show muss weitergehen - und Kitzbühel ist wie die Superbowl "the greatest show on Earth" für alle Skifans.

Was passiert noch alles?

Die Widrigkeiten im Vorfeld der 81. Hahnenkammrennen waren aber enorm (und es werden wohl noch nicht die letzten gewesen sein): Zunächst erfolgte Anfang des Jahres das endgültige Aus für Publikum entlang der Strecke (was auch für Tagesskifahrer gilt), dafür kam in der Übernahme der Lauberhornrennen ein unerwartetes und historisch einmaliges Geschenk daher, das sich aufgrund der gefährlich scheinenden Virus-Mutation binnen Stunden schon wieder in Luft auflöste. Statt gleich fünf Rennen in neun Tagen auszutragen, mussten die Slalomklassiker vom Ganslernhang komplett gestrichen und an Flachau abgetreten werden; zugleich drohte bei größerer Ausbreitung der britischen Mutation eine Totalabsage und also ein veritables und nicht versichertes Fiasko für die Gamsstadt.

Sieht von oben harmlos aus - doch Mausefalle, Kompression, Karussell und Steilhang ergeben die schwierigsten 30 Fahr sekunden im gesamten Ski-Weltcup. - © apa / expa / Johann Groder
Sieht von oben harmlos aus - doch Mausefalle, Kompression, Karussell und Steilhang ergeben die schwierigsten 30 Fahr sekunden im gesamten Ski-Weltcup. - © apa / expa / Johann Groder

Aufgrund relativ stabiler Zahlen - im gesamten Bezirk Kitzbühel galten am Dienstag nur 157 Menschen als infiziert - dürfen sich die Veranstalter nun wieder den sportlichen Belangen widmen. Allerdings ohne FIS-Rennchef Markus Waldner, der sich offenbar in Flachau angesteckt hat und nun für die wichtigsten Weltcuprennen passen muss; Hannes Trinkl, Weltmeister 2001, aber ohne Streif-Sieg, wird ihn ersetzen.

Er wird besonders beim ersten Abtasten der gefährlichsten Abfahrt der Welt im Fokus stehen - heuer ganz besonders. Denn die Streif wird auch insofern zum Härtetest, als die Athleten zuletzt im alten Jahr in Bormio rennmäßig abgefahren sind und Kitzbühel nun sogar der einzige Einsatz der Abfahrtspiloten im Jänner sein wird. Zum einen kommen Titelverteidiger Matthias Mayer und Co. also ausgeruht auf die Streif, zum anderen fehlt aber mangels Lauberhorn etwas die Rennpraxis in den Beinen. Alles kein Problem, findet ÖSV-Herren-Rennsportleiter Andreas Puelacher: "Es sind Rennfahrer, die haben den ganzen Sommer trainiert und wollen im Winter zeigen, was sie können und ihre Leistung bringen. Ich glaube, dass sie das alle im Griff haben."

Zugleich ist Kitzbühel heuer ganz anders - ohne Rummel, ohne Sponsortermine, ohne VIP-Händeschütteleien. Aber auch ohne Bad in der Menschenmenge bei Startnummernauslosungen und Siegerehrungen. Dafür ist man bei Doppelabfahrt und Super G voll gefordert: "Dreimal hier runter ist auf jeden Fall zäh, es ist eine lange Woche, aber es sind die einzigen Speedrennen im Jänner. Für die heißt es einfach, fit zu sein und voll da zu sein", so Mayer. Vincent Kriechmayr, im Vorjahr Zweiter und 2019 Lauberhornsieger, beklagt zwar den Ausfall des Klassikers in der Schweiz, "aber dreimal Kitzbühel ist kein schlechter Ersatz".(may)