Der Zielsprung wird normalerweise nicht als das große Streif-Kriterium genannt - jedenfalls nicht in einem Atemzug mit Mausefalle, Steilhang und Hausbergkante. Obwohl dort einst Weiten von bis zu 90 Metern gemessen wurden - bei 145 km/h (!) - und einige Karrieren nach brutalen Stürzen zerschellt sind. Am Donnerstag, im Abschlusstraining für die erste der beiden Hahnenkamm-Abfahrten, bereitete aber einzig dieser Zielsprung den Fahrern wirkliche Probleme. Weil er im Gegensatz zu den vergangenen Jahren relativ weit ging und eine kleine Welle vor dem Absprung für eine instabile Flugphase sorgte. Mit Johan Clarey gab es aber "nur" ein Sturzopfer - der Franzose landete im Fangnetz, konnte aber selbstständig ins Ziel gehen. FIS-Rennleiter Hannes Trinkl dürfte wohl für das erste Streif-Spektakel (11.30 Uhr/ORF 1) eine Sprung-Adaptierung vornehmen.

Der Favoritenkreis ist diesmal groß wie nie - und nur zwei der Topfavoriten haben schon eine goldene Gams zuhause stehen. Der Sieg beim härtesten Rennen der Welt könnte auch heuer wieder über die Österreicher führen.

Vincent Kriechmayr ist reif für seinen ersten Triumph auf der Streif: Schon vor drei Jahren war der Mühlviertler nach famoser Fahrt im oberen Teil auf Siegkurs, am Ende gab es beim Sensationserfolg von Thomas Dreßen nur Rang vier. Nach Platz zwei im Vorjahr und Trainingsbestzeit am Donnerstag ist der 29-Jährige voll auf Sieg fokussiert. Obwohl Kriechmayr nicht glücklich ist über die Favoritenrolle - "denn dann hätte ich jetzt meine Ruhe".

Matthias Mayer ist der Mann für große Titel: Der zweifache Olympiasieger und zweifache Kitzbühelsieger (2020 Abfahrt, 2017 Super G) kam als Bormio-Gewinner und also in Topform in die Gamsstadt. Von den Trainingsleistungen (+2,77 Sekunden auf Kriechmayr) darf man sich nicht täuschen lassen - bleibt der Kärntner fehlerlos, ist er praktisch nicht zu schlagen.

Max Franz hat mit der Streif noch einige Rechnungen offen: Schon mehrmals wurde er abgeworfen und verletzt (2019 Fersenbeinbruch), als bestes Resultat steht ein fünfter Platz anno 2013 für den 31-jährigen Kärntner zu Buche. Nach Trainingsrang drei (+0,45) muss man ihn auch wieder auf der Rechnung haben.

Hannes Reichelt hatte diese Trainingsposition tags zuvor inne - ein kräftiges Lebenszeichen des Streif-Siegers von 2014, der sich nach seinem Kreuzbandriss wieder zurückgekämpft hat. Der 40-jährige Altmeister kennt am Hahnenkamm jeden Zentimeter - dank hoher Startnummer könnte er von besser werdenden Bedingungen profitieren.

Dominik Paris kehrt nach seinem Kreuzbandriss als dreifacher Streif-Champion (2013, 2017, 2019) auf seine Lieblingsabfahrt zurück - die Formkurve zeigt steil nach oben. "Vom Physischen her ist der Sieg möglich, aber es muss von oben bis unten alles passen", sagte der Südtiroler.

Ryan Cochran-Siegle könnte gelingen, was US-Landsmann Bode Miller nie geschafft hat - der Hahnenkammsieg. Im Miller-Stil strauchelte der 28-Jährige am Donnerstag vor dem Steilhang, dennoch ist spätestens nach seinem Super-G-Sieg in Bormio seine Überform offensichtlich.

Beat Feuz fehlt der Kitz-Sieg in seiner Sammlung noch - nach vier zweiten Plätzen (2016, 2018-20) will es der 33-jährige Schweizer heuer endlich wissen. Doch erzwingen lässt sich ein Streif-Sieg meist nicht - und mit den Abfahrtsrängen 10, 3 und 6 fehlt ihm heuer die ganz große Form.

Matteo Marsaglia ist der Trainingskönig auf der Streif: Schon vier Mal stand er auf dem "Stockerl", 2018 legte er sogar eine Bestzeit hin; am Freitag (+0,44) kam der 35-jährige Römer Kriechmayr am nächsten. Doch im Rennen konnte der Dauer-Geheimfavorit nie seine Leistungen umsetzen, 2019 schaffte er als bestes Resultat Rang zehn.