Es kommt wohl nicht oft vor, dass auf einem Online-Marktplatz wie "Willhaben" ein gebrauchtes Paar Ski um saftige 450 Euro angeboten wird. Es sei denn, es handelt sich dabei um 100 Jahre alte Exemplare des Tiroler Skiherstellers und späteren Skirennfahrers Johann Georg Schlechter, genannt Hansjörg, der 1921 den Prototyp renntauglicher Bretter entworfen und damit Geschichte geschrieben hat. Begonnen hat diese Geschichte in Kitzbühel, in der Wagner-Werkstatt von Hansjörgs Vater, der auf die Fertigung von Leiterwägen sowie Schlitten spezialisiert war.

Nachdem der Junior das starke Potenzial des aufkommenden Skisports erkannt hatte, experimentierte Schlechter bereits im Alter von 18 Jahren mit verschiedenen Materialien für die Ski, darunter mit Esche und dem aus den USA importierten Hickory-Holz, für die Skistöcke verwendete er Bambus. Die hohe Qualität und Elastizität der Latten machten den Schlechter-Ski rasch national wie international bekannt, zumal sich damit bisher nie dagewesene Geschwindigkeiten erzielen ließen. So kam der heimische Skirennläufer Leo Gasperl bei seinen Weltrekordfahren 1934 auf 136 Stundenkilometer, und auch Hansjörg Schlechter selbst sollte während seiner Zeit als Rennfahrer auf Material aus eigener Produktion zurückgreifen - und damit die Streif bezwingen. Am 6. Jänner 1930 trug der Tiroler beim Franz-Reisch-Gedächtnislauf, dem Vorläufer des modernen Hahnenkammrennens, mit Bestzeit den Sieg davon.

Das markanteste Wiedererkennungsmerkmal der Schlechter-Ski war ab 1934 das Stadtwappen von Kitzbühel, die Gams, dessen Aufdruck der Gemeinderat ihrem berühmten Sohn und Pionier genehmigt hatte. Mit seiner Frau Katharina baute Schlechter seinen Betrieb in der Hinterstadt zu einem Großunternehmen aus. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg verunglückte aber der geprüfte Bergführer bei der Suche nach verlaufenen Schafen auf dem Rettenstein tödlich. In den nachfolgenden Jahrzehnten wurde die Produktion von der Witwe und Sohn Hansjörg in Kitzbühel weitergeführt und mit Aufkommen der industriellen Skierzeugung 1971 eingestellt. Seit 2016 wird der Ski mit der markanten Gams wieder hergestellt, wobei Liebhaber aus drei Varianten wählen können. Die Ski sind, wenn auch nicht ganz billig, beim Kitzbüheler Ausrüster Kitzsport erhältlich.

Leder-Skischuhe aus Lech

Im Sortiment zu finden sind hier im Übrigen auch Profi-Skischuhe der Vorarlberger Marke Strolz, die heuer mit den Schlechter-Ski das Jubiläum zufällig teilen. Vor 100 Jahren hatte Ambros Strolz in Lech die erste Schuhmacherwerkstatt für die Fertigung von Leder-Skischuhen eröffnet und mit diesem Produkt die Entwicklung des Skisports mitgetragen. Allein Exemplare aus dem Jahr 1921 werden auf "Willhaben" aktuell nicht angeboten. Andererseits haben auch die originalen Schlechter-Ski selbst nach 14 Tagen noch keinen Käufer gefunden. Das mag vielleicht am Preis liegen - oder an fehlender Geschichtskenntnis.