Von wegen "zahm", "angenehm" oder "Streif-light": Bei der ersten (von zwei) Weltcupabfahrten in Kitzbühel zeigte die Streif wieder einmal ihre gefährlichen Krallen. Leidtragende waren - wie bei der Sturzorgie nach der Hausbergkante anno 2016 - wieder zwei Weltklassefahrer, die von der härtesten Abfahrt der Welt brutal abgeworfen wurden: Bormio-Super-G-Sieger und Kitz-Mitfavorit Ryan Cochran-Siegle zerschellte vor der Schrägfahrt im Fangnetz; noch viel ärger erwischte es den Schweizer Jungstar Urs Kryenbühl, dem bei knapp 150 km/h der Zielsprung zum Verhängnis wurde. Weil danach auch noch Wind aufkam und die Situation immer unberechenbarer wurde, musste das Rennen (wie 2016) nach 30 Läufern abgebrochen werden. Die Ereignisse überschatteten auch den Streif-Premierensieg des Schweizers Beat Feuz, der den heimischen Titelverteidiger Matthias Mayer um 16 Hundertstel auf Rang zwei verwies.

Am Samstag (11.30 Uhr/ORF 1) hat der zweifache Olympiasieger aus Kärnten aber die Chance zur Revanche, wenn der eigentliche Hahnenkamm-Klassiker angesetzt ist. Vorausgesetzt, der prognostizierte Schneefall und die Witterung lassen ein Rennen zu.

Bereits am Freitag stand die Ersatzabfahrt von Wengen mehrmals an der Kippe: Der Föhn hatte die Strecke aufgeweicht und extrem schnell gemacht - so lag die Feuz-Siegerzeit auf dem aufgefirmten Schnee nur knapp zwei Sekunden über dem Streckenrekord von Fritz Strobl aus dem Jahr 1997 (1:51,58 Minuten); bei damals aber noch deutlich direkterer Kurssetzung. Und so wurde der Zielsprung, der schon im Training für Probleme gesorgt hatte, zum gefährlichen Kriterium hinsichtlich Geschwindigkeit, Weite, Luftstand und Flugposition.

Schwere Verletzungen bei Kryenbühl

Während einige Athleten einen Sturz gerade noch verhindern konnten, war Kryenbühl aufgrund seiner leichten Vorlage machtlos gegen die ungeheuren Fliehkräfte - nach hartem Aufschlag im Flachen blieb er bewusstlos im Zielraum liegen. Düstere Erinnerungen an seinen Landsmann Daniel Albrecht wurden wach, der 2009 an selbiger Stelle verunglückt war und nach schwerem Schädel-Hirn-Trauma seine Karriere beenden musste; ähnlich erwischte es 2008 Scott Macartney beziehungsweise 1996 ÖSV-Abfahrer Andreas Schifferer, der ebenso im Koma landete. Kryenbühl war kurz nach seinem Sturz ansprechbar, wurde aber umgehend ins Krankenhaus geflogen. Dort wurden später schwere Verletzungen diagnostiziert: Gehirnerschütterung, Bruch des rechten Schlüsselbeines sowie Riss des Kreuz- und Innenbandes im rechten Knie.

Streif als Achterbahnfahrt

Glimpflicher dürfte US-Abfahrer Cochran-Siegle davon gekommen sein, obwohl er frontal ins Fangnetz krachte und dieses aus der Verankerung riss: Er klagte anschließend "nur" über Schulterschmerzen, am Ende stellte sich eine leichte Halswirbelfraktur heraus. Cochran-Siegle wird in Kitzbühel heuer aber nicht mehr starten.

Diese beiden Stürze sorgten jedenfalls für lange Verzögerungen, die es für alle höheren Startnummern unmöglich machten, bei immer schlechter werdender Sicht und Schatten Spitzenzeiten zu fahren. Hinzu kam böiger Wind, der die Situation im Zielschuss und beim Zielsprung weiter verschärfte. Nach längerem Zuwarten wurden schließlich nur noch so viele Fahrer ins Rennen geschickt, bis die Abfahrt - kurz vor halb 3 Uhr - gewertet werden konnte. Sehr zur Freunde des Weltmeisters von 2017, der nach vier zweiten Plätzen endlich auch die goldene Gams überreicht bekam: "Das war eine emotionale Achterbahnfahrt. Wenn früher angebrochen worden wäre, wäre ich morgen nicht am Start gestanden, das hält mein Kopf nicht aus." Auch sparte der amtierende Abfahrtsweltcup-Sieger nicht mit Kritik an den Rennverantwortlichen: "Es geht bei der Piste eigentlich seit drei Tagen nur um den Zielsprung. Er geht einfach zu weit. Ich bin ja auch heute dort 60, 70 Meter rausgesegelt wahrscheinlich. Muss nicht sein, sollte nicht sein", so Feuz, der wiederum ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel lobte, weil sich dieser aktiv um die Fortsetzung des Rennens bemüht habe.

Nur knapp am zweiten Streif-Sieg ist Mayer vorbeigefahren - ein kleiner Fehler vor der Hausbergkante dürfte wohl die fehlenden 16 Hundertstel ausgemacht haben. "Ich habe super gepusht von oben weg", sagte Mayer, "aber Beat ist wirklich ein verdienter Sieger." Zufrieden war auch der dreifache Triumphator Dominik Paris, der mit Respektabstand (+0,56) noch auf Stockerl fuhr. Davon war Top-Siegfavorit Vincent Kriechmayr (+1,62) als Neunter weit entfernt. Er verlor im Gleitstück enorm viel Zeit und war hernach ratlos: "Da muss ich zu einer Jausenstation gefahren sein, sonst gibt es das nicht", meinte der Mühlviertler. (may)