Bis vor dem Start der heurigen Weltcupsaison hatte Marco Schwarz folgenden Ruf: Er ist der beste "Finisher" im Weltcupzirkus, er kann also auf den letzten Toren eines Slalomlaufes die Konkurrenz um gut und gerne einige Zehntelsekunden abhängen; und er ist Meister der Flachstücke, kann dort wie kein Zweiter Speed aufbauen und auch mitnehmen. Wird ein Kurs allerdings steil, eisig, eckig und also dementsprechend schwierig, dann hatte der 25-jährige Kärntner immer so seine Schwierigkeiten. Spätestens seit seinem Sieg beim Nachtslalom-Klassiker von Schladming sind derlei Zuschreibungen aber Makulatur: Denn mit dem Planai-Triumph hat der Villacher eindrucksvoll bewiesen, dass er die Konkurrenz bei eisigen und steilen Verhältnissen um Längen - 68 Hundertstel Vorsprung auf den Zweiten Clement Noel - abhängen kann.

Zuvor hatte Schwarz heuer schon in Adelboden triumphiert, womit er also just auf den beiden selektivsten Hängen des heurigen Weltcups (ohne Wengen und Kitzbühel) obsiegen konnte: 60 Prozent Gefälle weist der Zielhang in Adelboden auf, sogar 65 Prozent sind es an der steilsten Stelle in Schladming - noch schwieriger ist es nirgendwo im Torlauf.

ÖSV-Ass im Gesamtweltcup

Nach seiner Meisterleistung auf der Planai - von Rang sechs im ersten Lauf zum überlegenen Sieg - entrückt Schwarz auch im Slalom-Weltcup der Konkurrenz: Er führt bereits mit 131 Punkten Vorsprung auf den Norweger Sebastian Foss-Solevaag und 165 auf den in der Entscheidung weggerutschten Halbzeitleader Manuel Feller. Schwarz’ Konstanz erinnert tatsächlich an Marcel Hirscher: In sieben Saisonslaloms stand er sechs Mal auf dem Stockerl - zwei Mal eben ganz oben. Nur in Madonna, vormals ob des flachen Schlussstückes so etwas wie sein Lieblingstorlauf, schaffte er "nur" den neunten Platz.

Womit Schwarz auch das rot-weiß-rote Trumph-Ass im Kampf um die große Kristallkugel ist - zumindest in den nächsten Weltcup-Saisonen: Denn heuer deutet vieles auf ein Solo von Alexis Pinturault hin, der sich in Schladming auf Platz drei klassierte. Der Franzose führt im Gesamtweltcup 253 Zähler vor dem Schweizer Marco Odermatt - bereits Dritter ist Schwarz mit 294 Punkten Rückstand. Das Problem von Schwarz ist allerdings, dass er nur in einer Disziplin groß punkten kann, denn bloß 77 seiner 566 Punkte holte er nicht im Slalom. Abgesehen von seiner Riesentorlaufschwäche, an der bekanntlich das ganze ÖSV-Team laboriert, fehlen dem 25-Jährigen heuer im Weltcup auch die Kombinationen, die Corona-bedingt gestrichen wurden. 2019 hatte er sich in Wengen ja den Kombinations-Sieg geholt, kurz darauf in Aare WM-Bronze in dieser Disziplin. Zusätzlich gab es vor zwei Jahren Slalom-Bronze und Team-Silber, weshalb seine Erfolgslatte bei den bevorstehenden Titelkämpfen in Cortina (8.-21. Februar) durchaus hoch angesetzt ist.

Dass es im Skirennsport aber auch sehr schnell nach unten gehen kann, musste Schwarz kurz nach seinen Medaillenerfolgen erfahren: Im Kombinations-Super-G von Bansko wurde ihm der Zielsprung zum Verhängnis - Kreuzbandriss im Knie. Ein herber Rückschlag für Österreichs größte Ski-Aktie, die sich allerdings schon in der (erwartungslos angegangenen) Comebacksaison mit Stockerlplätzen in Adelboden und Kitzbühel eindrucksvoll zurückmeldete. Um dann in Schladming vor gut 40.000 Fans als Halbzeitführender auszuscheiden ...

Diese Wunde ist seit Dienstagabend endgültig verheilt, wiewohl die fehlende Kulisse durchaus schmerzte: "Natürlich wäre es noch um einiges cooler gewesen, wenn da 45.000 Leute gestanden wären", verriet Schwarz, der gemeinhin als Ruhepol im ÖSV-Team gilt. Ein Champagnerbad in der tobenden Menge ist aber auch ihm das Höchste der Gefühle im Skisport. "Für einen Slalom-Fahrer ist in Schladming zu gewinnen das Gleiche wie für einen Abfahrer in Kitzbühel", so Schwarz. Denn das Planai-Spektakel sei für ihn der "Klassiker schlechthin", aber auch so etwas wie ein Heimrennen: "Ich bin da in die Handelsschule gegangen. Dort hat alles so richtig angefangen."

Seine momentane Hochform begründete Schwarz mit jahrelanger harter Arbeit, die eben jetzt Früchte trage. Zudem sei die Vorbereitung heuer sehr intensiv und gut gewesen. "Wir haben viele Schneetage gehabt, was sicher auch sehr gut geholfen hat." Und: "Das Material funktioniert sehr, sehr gut. Ich fühle mich sehr wohl darauf und kann befreit skifahren." Fortsetzung folgt für ihn hoffentlich bald: Vor dem WM-Torlauf steht am Wochenende noch ein noch Slalom-Doppel in Chamonix auf dem Programm.