Die Tofane, das sind eigentlich drei Bergspitzen in den Dolomiten. Nicht so spitz wie die berühmten Drei Zinnen, aber mit jeweils über 3.000 Metern doch um einiges höher. In Österreich kennt man die Tofane gemeinhin nur im Singular, wobei hier "die Tofana" kaum mit den kargen Felskuppen wenige Kilometer westlich des italienischen Wintersportortes Cortina d’Ampezzo assoziiert wird. Die Tofana, das ist jene rüde Abfahrtsstrecke, auf der bei den Olympischen Winterspielen 1956 Toni Sailer seine dritte Goldmedaille en suite geholt hat. Und dabei hatte der 20-jährige Skiamateur aus Kitzbühel noch Glück. Sailer war vor dem Start der Langriemen der Bindung gerissen, er erhielt aber prompt Hilfe durch den italienischen Coach Hans Senger, der ihm einen Ersatzriemen zur Verfügung stellte. Der Ex-Skirennläufer aus Bad Gastein zurrte seinem Landsmann den neuen Riemen sogar noch eigenhändig fest - und sollte erst wenige Sekunden vor dem Start damit fertig geworden sein.

Was das italienische Team von dieser Art Nachbarschaftshilfe hielt, ist nicht überliefert. Dabei spielte es bei den Heim-Spielen im alpinen Bereich aber ohnehin keine Rolle, zumal die einzigen Medaillen für Italien - einmal Gold, zweimal Silber - allesamt von Bobfahrern geholt wurden. Dafür räumte Sailer auf Tofana und Co. umso mehr ab, sicherte sich neben der Abfahrt auch noch Gold im Riesentorlauf und im Slalom. "Gut, dass es drei Medaillen waren: Eine für den Vater, eine für die Mutter - und für mich blieb auch noch eine", meinte er bei der Siegerehrung.

Nicht einmal ein Hermann Maier und Marcel Hirscher sollten dieses Kunststück wiederholen. Dabei waren es eigentlich sieben Goldmedaillen, die Sailer vor 65 Jahren in Cortina entgegennahm: Weil Olympia damals noch als Weltmeisterschaft gewertet wurde, kamen drei Goldene automatisch hinzu, auch holte der "Schwarze Blitz aus Kitz" den Sieg in der nicht olympischen Kombinationswertung. Die knapp 100-köpfige Konkurrenz war gegen den Tiroler mit Rückständen von bis zu sechs Sekunden vollkommen chancenlos.

Und so werden auch in den kommenden Wochen, wenn am 8. Februar in Cortina d’Ampezzo die 46. Alpinen Ski-Weltmeisterschaften eröffnet werden, die anwesenden Athleten, Funktionäre und Kommentatoren - Fans sind Corona-bedingt nicht zugelassen - nicht um den klingenden Namen des erfolgreichsten österreichischen Skirennläufers (bis Hirscher) herumkommen.

Dass die Kombination Sailer und Cortina die Menschen einst so bewegte, hatte nicht nur sportliche Gründe, sondern auch politische. Wenige Monate zuvor, am 15. Mai 1955, hatte die Republik Österreich durch den Abschluss des Staatsvertrags seine volle Souveränität wiedererlangt und in der Folge versucht, der jungen Nation durch den Skisport eine neue Linie zu geben - und die Zeit des Nationalsozialismus ganz hinter sich zu lassen.


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Dissertation "Alpiner Skisport und die Erfindung der österreichischen Nation"
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Die heimischen Athletinnen und Athleten spielten bereitwillig mit und fanden an ihrer Rolle als "Helden der Nation" bald Gefallen. Die dabei zum Ausdruck gebrachten politischen Haltungen waren, wie eine Studie über 80 heimische Sportler jener Zeit ergab, "stark antipreußisch, antinationalsozialistisch, ja antipolitisch" geprägt, gleichzeitig gaben sich Sailer und Co. "naiv, vormodern, heimatverbunden und draufgängerisch". Oder mit den Worten des Sporthistorikers Rudolf Müllner ausgedrückt: "Sailer war eine Figur, die Fleiß, Anständigkeit, Anstrengung, Durchhaltevermögen und Selbstüberwindung verkörpert hat. Parallel dazu waren das allerdings auch Eigenschaften, die in der sich aufrappelnden Zweiten Republik entscheidend gewesen sind. Ganz wichtig war auch der Glaube, dass man mit eigener Leistung, eigener Anstrengung ein besseres Leben erreichen kann."

Sailer sollte die Erwartungen nicht enttäuschen, er holte auch bei der Ski-WM 1958 in Bad Gastein dreimal Gold.

Cortina im Dornröschenschlaf

In Cortina d’Ampezzo hingegen blieben die Lichter im Olympiapark nach 1956 für lange Zeit abgedreht. Erst ab 1969 fanden wieder in unregelmäßigen Abständen Weltcuprennen der Damen und Herren auf der Olimpia delle Tofane, wie die Olympiapiste bis heute heißt, statt. Während die Herren hier zuletzt 1990 angetreten sind, ist die Tofana seit 1993 jährlicher Fixpunkt im Weltcupkalender der Ski-Damen. Traditionell werden in Cortina eine Abfahrt, ein Super G und ein Riesenslalom gefahren. Erfolgreichste Athletin ist Lindsey Vonn, die hier zwölf Weltcupsiege feiern konnte. Sie löste am 24. Jänner 2016 die langjährige Rekordhalterin Renate Götschl (mit zehn Siegen) ab.

Mit der WM 2021 und den Olympischen Winterspielen 2026 tritt Cortina d’Ampezzo nach 65 langen Jahren wieder ins Rampenlicht - und damit auch die Olympiastrecke deren interessantesten Teilstücke Primo und Secondo Muro, Diagonale oder La Grande S heißen. Am besten lässt sich der Pistenverlauf auf dem mit 3.244 Metern höchsten und bequem per Seilbahn erreichbaren Gipfel der Tofane nachvollziehen. Der Felsen ist als Tofana di Mezzo bekannt. Die Ski sollte man aber hier zu Hause lassen.