Ich kam, sah und siegte - so lautete dereinst die verbale Triumph-Pose eines gewissen Gaius Julius Cäsar. Dass das berühmte "veni, vidi, vici" vor zwei Jahren bei der Ski-WM im schwedischen Aare fröhliche Urständ’ feierte, war einem gewissen Vincent Kriechmayr geschuldet. Oder besser gesagt, seinen lateinkundigen Fans aus Gramastetten, die den Spruch zwar etwas ungelenk, aber durchaus kreativ abwandelten: "Veni, vidi, Vinc", wurde also von der kleinen Abordnung aus dem Mühlviertel ständig intoniert. Auch, wenn dies nicht ganz stimmte - denn gesiegt hat Kriechmayr weder im Super G noch in der Abfahrt. Mit Silber und Bronze war er dennoch einer der erfolgreichsten Athleten der Titelkämpfe. Und was nicht ist, kann ja dieser Tage in Cortina noch werden: Als Gewinner der beiden jüngsten und schwierigsten Super G in Kitzbühel und Garmisch geht der 29-Jährige jedenfalls als WM-Topfavorit in den Herren-Auftaktbewerb am Donnerstagnachmittag (13 Uhr).

Ob die Strecke dem Edeltechniker aus dem ÖSV entgegenkommt, ist aber völlig ungewiss - denn die Herren-Speedstrecke Vertigine am Fuße der Tofana ist für alle Ski-Asse Neuland. Corona-bedingt musste ja die WM-Generalprobe in Form des Weltcupfinales im März abgesagt werden. Hinzu kommt der viele Neuschnee, der die Piste am Montag und Mittwoch aufgeweicht hat. Dennoch wird die Verschiebung von Dienstag auf Donnerstag im ÖSV-Lager positiv gesehen, zumal nun die ursprünglich gestrichene Streckenbesichtigung stressfrei am Dienstag stattfinden konnte. "Es schaut lässig aus. Es geht auch steil runter, vielleicht ist es ein bissl kürzer", urteilte hernach Matthias Mayer.

Trotz aller Wetterunbill ist sich Super-G-Vizeweltmeister Kriechmayr - vor zwei Jahren nur um neun Hundertstelsekunden von Dominik Paris geschlagen - seiner Rolle bewusst: "Ich bin jetzt natürlich der große Favorit", sagte Kriechmayr, der zugleich aber auf die Besonderheit eines jeden WM-Rennens hinwies: "Ein Großevent ist immer für Überraschungen gut. Da schauen die Athleten nicht auf Weltcupstände oder Punkte, da gibt jeder 100 Prozent. Derjenige, dem das am besten gelingt, ist am Ende vorne." Im Disziplinenweltcup liegt der achtfache Weltcupgewinner zwei Rennen vor Schluss bereits mit 101 Punkten in Front - vor seinem Teamkollegen Mayer. Eine perfekte Saison in seiner Paradedisziplin scheint also möglich. "Ich habe weder eine Goldmedaille noch eine Kugel. Beides ist sehr wichtig. Ich habe beides nicht erreicht und würde gerne beides nehmen. Aber es ist kein Wunschkonzert." Anders als so viele Kollegen ist der Absolvent der Ski-Mittelschule Windischgarsten bisher ohne gröbere Verletzungen durch den Weltcup gerauscht. So heißt es für die potenziellen Goldanwärter und Super-G-Saisonsieger Aleksander Kilde (Gröden) und Ryan Cochran-Siegle (Bormio) diesmal verletzungsbedingt zusehen; Mauro Caviezel, Gewinner in Val d’Isere und Kristallkugel-Titelverteidiger, will zwar nach erlittener Außenbandverletzung am Donnerstag starten, seine Form ist aber völlig ungewiss.

Mayers Stockerlserie

Bleibt - zumindest auf dem Papier - Matthias Mayer als größter Konkurrent für Kriechmayrs Goldträume. Und der 30-jährige Kärntner hat schon zweimal bewiesen, dass er bei Großereignissen voll da sein kann: Gold in der Olympiaabfahrt 2014, Gold im Olympia-Super-G 2018 stehen auf der Visitenkarte des Afritzers. Bei Alpin-Titelkämpfen hat es für Mayer aber bisher nie so recht geklappt. Speziell im Super G war er mit den Rängen 5 (2013) und 4 (2015) knapp an den Medaillen dran - 2017 und 2019 riskierte er auf dem Weg zu Edelmetall zu viel und fiel aus. "Noch bin ich knapp an der WM-Medaille vorbeigefahren. Vielleicht ändern wir das heuer, das wäre schön", sagte Mayer, der aber erneut volle Attacke ankündigte: "Ich weiß, dass das Zeug stimmt und ich gut drauf bin. Ich werde gescheit Gas geben. Ich werde das so gut wie möglich managen." Auch, wenn bei einer WM die Tagesverfassung wie nirgends sonst entscheide, seine seit Bormio währende Stockerlserie mit sechs Rennen en suite unter den ersten Drei sei gewiss gut für das Selbstvertrauen: "Es schadet sicherlich nicht, wenn man mit guten Ergebnissen und einem guten Gefühl hinfährt", so Mayer.

Stockerlerfahrung hat auch Christian Walder, der nach Platz drei in Val d’Isere sein WM-Debüt gibt; der vierte ÖSV-Athlet ist Max Franz, der als Sechster (Super G) und Vierter (Abfahrt) in Garmisch seine WM-Form demonstriert hat. Größter Konkurrent des ÖSV-Quartetts im Super G könnte am Donnerstag der Schweizer Marco Odermatt sein, der mit den Rängen zwei (Kitzbühel) und drei (Garmisch) nach Cortina gereist ist.