Eine solche Passage hat man seit der Olympiaabfahrt 1998 in Nagano nicht mehr erlebt: Dort, wo Hermann Maier einst spektakulär – weil viel zu schnell – abgeflogen ist, holte sich damals Jean-Luc Crétier die Goldmedaille. Mit Köpfchen und Bremsschwung. Mit derselben Methode raste am Donnerstag der Mühlviertler Vincent Kriechmayr zu Super-G-Gold bei der alpinen Ski-WM in Cortina d’Ampezzo. Die Schlüsselstelle des anspruchsvollen Kurses des italienischen Betreuers Roberto Ghidoni – den Vertigine-Sprung mit anschließend extrem eckiger Laufsetzung – meisterte der 29-Jährige am besten und feierte damit den größten Erfolg in seiner Karriere. Super-G-Olympiasieger Matthias Mayer bremste sich ebendort zu sehr ein und landete als Sechster im geschlagenen Feld – den anderen ÖSV-Startern Max Franz und Christian Walder wurde die Kurssetzung allerdings zum Verhängnis. So wie vielen anderen Top-Läufern, die an besagter Passage entweder ausschieden oder viel Zeit einbüßten. Letztlich konnten sich gleich 21 Fahrer nicht klassieren.

Silber ging sensationell an den für den DSV startenden Tiroler Romed Baumann (+0,07), nicht minder überraschend kam die Bronzemedaille für den Franzosen Alexis Pinturault (+0,38). Titelverteidiger Dominik Paris, der die Hoffnungen der Gastgebernation trug, wurde nur Fünfter (+0,55) – unmittelbar hinter dem kanadischen Sensationsmann Brodie Seger (+0,42).

Vierter Super-G-Weltmeister aus Österreich

Der Edeltechniker aus Gramastetten tritt damit in die Fußstapfen rot-weiß-roter Ski-Legenden, die sich den Super-G-Titel in der Vergangenheit geholt haben: Hannes Reichelt (2015), Stephan Eberharter (1991/2003) und Hermann Maier (1999). Kriechmayr hat in seiner Karriere bisher acht Weltcuperfolge zu Buche stehen – sowie Super-G-Silber und Abfahrts-Bronze von der WM 2019 in Aare. Nach Cortina ist er als absoluter Top-Favorit gekommen, weil er die jüngsten beiden Rennen in Kitzbühel und Garmisch gewonnen hatte – die doppelte Nervenprobe meisterte Kriechmayr letztlich mit Bravour. Denn mit Nummer fünf musste er am Start mitansehen, wie gleich die ersten drei Läufer nach dem tückischen Vertigine-Sprung aus dem Kurs rasselten. Es galt, sich blitzschnell auf die neue Situation einzustellen: "Es war eine ungewohnte Situation. Aber genau das macht unseren Sport insbesondere im Super G aus, dass man eben auch mal improvisieren muss", dozierte Kriechmayr, der sich lange nicht zu seinem Coup gratulieren ließ. Letztlich habe er sich dazu entschlossen, noch mehr – nämlich auch schon vor dem Sprung  Tempo rauszunehmen, "um dann mit Gefühl durchzudriften". Letztlich war das genau der goldene Mittelweg, der zum Erfolg führte. Wiewohl es sich um eine unorthodoxe Methode handelt, die im Skirennsport normal nie zum Sieg reicht: "Es war ein 100-Meter-Drift – so etwas bin ich in meinem Leben noch nie gefahren", meinte der neue Weltmeister mit einem Schmunzeln. Dementsprechend schlecht sei auch das Gefühl gewesen, und er habe eher nicht damit gerechnet, mit dieser Fahrt Gold geholt zu haben. "Ich hatte eher das Gefühl, zu viel Tempo rausgenommen zu haben. Aber keiner ist fehlerfrei heruntergekommen."

Damit erfüllt sich auch der Schlachtruf seiner Fans: "Veni, vidi, Vinc" – Kriechmayr kam, sah und siegte zum WM-Auftakt.

Wiewohl es just sein ehemaliger Teamkollege Baumann mit Startnummer 20 noch einmal extrem spannend machte. Im unteren Streckenteil holte der Tiroler Zehntel um Zehntel auf, am Ende fehlten nur sieben Hundertstelsekunden auf Gold. Mit Silber schrieb Baumann aber auch Skisportgeschichte – als erster Nachkriegs-Athlet, der für zwei Nationen Medaillen bei Titelkämpfen holt. Der 35-Jährige hatte für den ÖSV bereits Bronze (Kombination 2013) und Silber (Team 2011) gewonnen. "Es war ein cooler Lauf. Ich wusste, dass ich unten im Flachen meine Stärken voll ausspielen kann."

Beide Österreicher können nun auch gelöst in die Königsdisziplin am Sonntag gehen – wo wieder der Vertigine-Sprung wartet. Das erste Training steigt am Freitag.