Nichts gegen die Carving-Artisten im Slalom oder die Super-G-Piloten auf kniffligen Kursen - die Abfahrt ist und bleibt die Königsdisziplin im alpinen Skirennsport. Und Österreich ist - seit WM-Titelkämpfe ausgetragen werden (1936) - die dominierende Nation: 16 Goldmedaillen konnten bisher eingefahren werden - das sind um drei mehr, als Erzrivale Schweiz errungen hat. Zuzüglich gewannen die rot-weiß-roten Draufgänger sieben Mal Silber und zwölf Mal Bronze, weshalb man am Sonntag (11 Uhr) bei der Ski-WM in Cortina naturgemäß auch die Österreicher auf der Rechnung haben muss. Würde der frischgebackene Super-G-Weltmeister Vincent Kriechmayr oder Co-Favorit Matthias Mayer das Rennen machen, wäre auch ein Bann gebrochen - denn die Abfahrtsnation Nummer eins wartet seit sage und schreibe 18Jahren auf den begehrtesten aller WM-Titel. Wir blicken zurück auf historische Momente.

Maiers Jahrhundertfahrt: War Hermann Maiers Olympia-Doppelgold in Nagano 1998 nach seinem Horrorsturz so etwas wie eine Auferstehungsgeschichte, so war der Ritt über die Raubvogelpiste 1999 in Beaver Creek die Apotheose. Nie hat der Flachauer die Rolle einer übermenschlichen Rennmaschine, die bei jenseits von 100km/h die Tore wie in einem Riesentorlauf abräumt, anschaulicher verkörpert als an diesem Februar-Tag. Den Ausdruck "Herminator" gab es zwar schon vorher, aber in jenem Rennen - im Ziel akklamiert von "Terminator" Arnold Schwarzenegger - war das mehr als ein geflügeltes Wort. Es war eine Fahrt in eine neue Dimension, in ein neues Ski-Jahrtausend. "Das war das einzige Rennen, bei dem ich teilweise mit über 100 Prozent gefahren bin", sagte Maier über seine sportlich wohl wichtigste Goldmedaille.

Trinkls Sensationscoup: Dass Maier bei seinen Heimspielen zwei Jahre später in St. Anton keinen Grund zum Jubel über Gold hatte, lag vor allem an einem bescheidenen Oberösterreicher: Hannes Trinkl hängte den Teamkollegen auf der Karl-Schranz-Strecke um zwei Zehntel ab und schnappte ihm den reservierten Heimsieg weg, obwohl er im oberen Teil einen schweren Fehler hatte. "Danach habe ich gewusst, es gibt nur kämpfen, kämpfen, kämpfen", so Trinkl. 35.000 Fans feierten an einem Mittwochvormittag den rot-weiß-roten Doppelerfolg. Zum 20. Jahrestag seiner Goldfahrt meinte der jetzige FIS-Renndirektor nüchtern: "Es ist Vergangenheit. Und für mich fast wie aus einem anderen Leben."

Walchhofers Meisterstück: Zwei Jahre später, bei der WM 2003 in St. Moritz, machte die damalige goldene Abfahrergeneration des ÖSV den WM-Hattrick in der Königsdisziplin perfekt. Während die hochdekorierten Weltmeister und Olympiasieger (Stephan Eberharter, Maier, Trinkl, Fritz Strobl) schon betropetzt, weil schwer geschlagen im Ziel standen, riss der spätberufene Ex-Slalom-Fahrer Michael Walchhofer die Nation mit Startnummer 31 noch heraus. Der Zauchenseer deklassierte auf der Corviglia förmlich die Konkurrenz - "es war mein Meisterstück", meinte Walchhofer später, der seither jedoch vergeblich auf einen rot-weiß-roten Nachfolger wartet.

Weirathers Planai-Ritt: Auf einer noch längeren Goldader rasten die Österreicher in den 1970er- und frühen -80er-Jahren talwärts. David Zwilling (St. Moritz 1974), Franz Klammer (Olympia/WM 1976 Innsbruck), Sepp Walcher (1978 Garmisch), Leonhard Stock (Olympia/WM 1980 Lake Placid) und Harti Weirather (Schladming 1982) sorgten für ein ganzes Jahrzehnt Abfahrtsherrlichkeit. Der Endpunkt dieser Serie war ein unvergessener Ritt auf der Rasierklinge, mit dem Weirather der angeschlagenen Ski-Nation noch am vorletzten Abdruck das einzige Heim-Gold auf der Planai bescherte. Anlässlich der Ski-WM 2013 in Schladming erinnerte sich der Tiroler im Interview mit der "Wiener Zeitung" noch gut an seine Siegesfahrt: "Bei der Einfahrt in den Zielhang habe ich die Begeisterung selbst durch den Helm mitbekommen - das war schon gigantisch!"

Ortliebs Plan-Gold: Dagegen war die WM in der spanischen Sierra Nevada 1996 fast eine Trauerveranstaltung ohne Zuschauer. Bei der Österreich wiederum nur einmal über Gold jubeln durfte - dafür aber über jenes in der Männer-Abfahrt. Die Siegesfahrt von Patrick Ortlieb war dabei ein akribisch geplantes Produkt - schon lange vorher hatten ÖSV und Ausrüster Head die ungewöhnlichen Schneeverhältnisse in Südspanien regelrecht seziert. Um dann dem Vorarlberger auf der Gleiterstrecke das ideale Material umzuschnallen. Mit einem Schnitt von 117,73 km/h raste das Schwergewicht aus Lech zum Titel. Wer Ortliebs WM-Goldene als Gleiterglück ansieht (wie jene des Schweizers Urs Lehmann 1993 in Morioka), irrt aber gewaltig. Denn Ortlieb hatte bei Olympia 1992 die "unfahrbare" Kurvenorgie auf der Face de Bellevarde für sich entschieden - und dann zwei Jahre später die Streif geholt.

Ein solcher Abfahrts-Grand-Slam wäre am Sonntag übrigens auch für Matthias Mayer möglich. So der Olympiasieger von 2014 und Hahnenkamm-Gewinner 2020 die rot-weiß-rote Durststrecke beenden kann.