An die Grenze des Vaterlandes, setze die Feldzeichen." Die italienischen Faschisten wussten schon, was sie mit dieser zentralen Inschrift, die seit bald 100 Jahren das sogenannte "Monumento alla Vittoria" in Bozen ziert, bezweckten. Die Botschaft war nach ihrer Machtübernahme 1922 gleichsam Programm, und Motive, um den Besiegten zu zeigen, wer der neue Herr im annektierten Südtiroler Hause ist, gab es genug. Besagte Denkmäler zum Beispiel, aber auch monomentale, wenngleich heute architektonisch fragwürdige Heldenfriedhöfe und Ossuarien waren beliebte Botschafter faschistischer Größe und Größenwahns. Das perfideste "Feldzeichen", welches die neuen Herren in der deutsch- und ladinischsprachigen Provinz einst setzten, war allerdings nicht aus Marmor gehauen, sondern aus Namen. Die zu großen Teilen lediglich der Phantasie entsprungenen italienischen Ortsnamen sind ein beredtes Zeugnis dafür.

So gesehen haben Benito Mussolinis Helfer auch in Cortina d’Ampezzo, das derzeit Gastgeber der 46. Ski-WM ist, ganze Arbeit geleistet. Auf den ersten Blick mag dies Verwunderung hervorrufen, zumal der mondäne Wintersportort in der Wahrnehmung der meisten Menschen heute immer schon als italienisch gegolten hat - und gilt. Keinen unwesentlichen Anteil daran hatte - wie so oft - der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway, indem er die 1923 veröffentlichte Kurzgeschichte "Out of Season", bei der es unter anderem um einen betrunkenen Hotelgärtner namens Peduzzi geht, in die Berge von Cortina versetzte. Dass der Autor seinem Protagonisten auch deutsche Worte in den Mund legt, wird dabei oft übersehen. Hemingway wusste also offenbar um die Südtiroler Vergangenheit Cortinas, zumal ja der Ortsname zu dem Zeitpunkt, als "Out of Season" herauskam, noch kaum auf einer Landkarte zu finden war.

Cortina ist italienisch und bedeutet so viel wie "Schleier" oder "Vorhang". Nur mit dem Ort in den Dolomiten hat diese 1923 gewählte Wortschöpfung nichts zu tun und mag höchstens für den in ganz Südtirol praktizierten Versuch stehen, die Geschichte, Kultur und Sprache der mehrheitlich deutsch-ladinischen Bevölkerung Haydens oder Anpezos, wie Cortina über Jahrhunderte hieß, buchstäblich zu verschleiern. Nichts sollte hier mehr an die Zeit zwischen 1511, als Anpezo unter Kaiser Maximilian Teil Tirols wurde, und dem "Revolutionsjahr" 1922 erinnern. Dabei hatten der örtliche Gemeinderat sowie die Familienoberhäupter Ampezos schon zu Kriegsende 1918 ein klares Votum für einen Verbleib bei Tirol ausgesprochen, das allerdings in Paris ungehört blieb.

Cortina wird italienisiert

Indessen setzten die Faschisten in Cortina ein "Feldzeichen" nach dem anderen. Nicht nur wurde der Kurort mit anderen italienischen Gemeinden zusammengelegt, auch kam es zur Abtrennung von der nach wie vor mehrheitlich deutschsprachigen Provinz "Alto Adige" und zum Anschluss an Venetien. Lediglich die örtliche Pfarre blieb noch der Diözese Brixen zugeordnet. Wären bei der Ski-WM Zuschauer zugelassen, die Fans hätten zwischen den einzelnen Rennen genügend Zeit gefunden, um den unrühmlichen Spuren der Vergangenheit nachzugehen. Kaum zu übersehen ist zum Beispiel der thronende Turm des gigantischen Beinhauses von Pocol, in welchem die Knochen von 9.707 ortsfremden italienischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs ruhen. Überhaupt ist die gesamte Region ein einziges Weltkriegs-Freilichtmuseum, wie zahlreiche, (wieder) zugängliche Stellungen, Schützengräben und Felsstollen in der Umgebung beweisen. Und auch, dass die Hauptstraße Cortinas bis heute als Corso Italia ausgeschildert ist, ist eine unübersehbare Reminiszenz an nationale Zeiten.

Der politischen Zäsur folgte in den späten 1920er Jahren eine kulturelle wie gesellschaftliche. Cortina d’Ampezzo wurde zu dem Vorzeige-Wintersportort Italiens umgestaltet, was sich nicht nur auf die Architektur und die Infrastruktur - die erste Seilbahn wurde hier im Jahr 1924 errichtet -, sondern auch auf die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung auswirkte. Während das Ladinische aus dem Alltag, den Schulen und Vereinen verdrängt wurde, erhoben die Faschisten eine Reise in den Ferienort am Fuße der Dolomiten zum nationalen Anliegen. Das Haus Savoyen war hier ebenso zu Gast wie Mussolinis Tochter Edda oder sein Außenminister Galeazzo Ciano. Zu nationalen Kundgebungen gerieten vor allem die beiden Ski-Weltmeisterschaften 1932 und 1941, wobei an Letzteren nur wenige Nationen, darunter Bulgarien, Finnland, Schweden, Norwegen, Rumänien, Jugoslawien, Schweiz, Ungarn und Deutschland, teilnahmen.

Die Deutschen waren es übrigens auch, die verhinderten, dass Cortina nach der Landung der Alliierten in Italien 1943 zur Hauptstadt der von Mussolini ausgerufenen - aber von deutschen Truppen besetzten - norditalienischen Sozialistischen Republik erhoben wurde. Stattdessen benannten die Deutschen den Kurort in Hayden-Cortina d’Ampezzo um und schlugen ihn Südtirol zu - nicht aber, um ein in den Augen der Ladiner begangenes Unrecht zu tilgen, sondern um die Jugend der Ortes in die Wehrmacht einzuziehen. 51 Männer fanden den sogenannten "Heldentod", allein 31 davon fielen an der Ostfront.

Der Kaiser kehrt zurück

Mit Mussolinis Tod am 28. April 1945 war das faschistische Regime in Italien Geschichte. Allerdings sollte es noch Jahrzehnte dauern, bis die Ampezzaner in Rom mit ihren Gesuchen für mehr Freiheitsrechte auf Gehör stießen. So wurde erst 1998 in Cortina ein Denkmal für die nicht-italienischen Gefallenen beider Weltkriege errichtet, 2002 wurde die einst verbotene Schützenkompanie Sizar Anpezo Hayden ins Leben gerufen. Deren Schutzherr ist übrigens wieder der 1922 verstorbene Kaiser Karl, und als dessen Sohn Otto 2005 das alte Anpezo besuchte, geriet dieser Besuch gar fast zum Staatsakt.

Ein solcher Jubel war in Cortina bis dahin nur einem Österreicher zuteilgeworden - Toni Sailer, nachdem er bei den Olympischen Winterspielen 1956 drei Mal Gold geholt hatte. Es war dies ein sportliches "Feldzeichen", das in der Geschichte Cortinas langfristig einen Platz gefunden hat. Ein "Monumento alla Vittoria" aus Stein und Marmor braucht es dafür nicht. Und das ist gut so.