Mit sechs Mal Edelmetall befindet sich das ÖSV-Team aktuell eher am unteren Ende der eigenen Erwartungshaltung; da aber gleich vier Medaillen in Gold glänzen, darf die 46. alpine Ski-WM in Cortina d’Ampezzo schon vor den abschließenden Slaloms für Damen (Samstag) wie Herren (Sonntag) als ausgesprochener Erfolg gewertet werden. Angesichts der widrigen Umstände - die Damen-Equipe litt unter Corona- und Verletzungsmisere, die Herren befanden sich nach dem Rücktritt von Marcel Hirscher im Umbruch - wiegen die Erfolge umso schwerer. Und am Ende gibt es ja meist noch einen Nachschlag: In den vergangenen 20 Jahren konnte Österreich nämlich nur ein Mal - 2015 in Vail/Beaver Creek - in den finalen Torläufen keine Medaille mehr abstauben. Viel mehr trumpften die ÖSV-Asse am Schluss meist noch einmal ordentlich auf: Slalom-Gold gab es in diesem Jahrtausend bei den Herren 2019 (Dreifachsieg in Aare), 2017, 2013, 2009, 2007, 2005 und 2001; und bei den Damen vor der Mikaela-Shiffrin-Ära 2011 durch Marlies Schild.

Im Medaillenspiegel von Cortina würde eine weitere Goldene für Rot-Weiß-Rot endgültig auch den ersten Platz bringen: Verfolger Schweiz hält ja bei drei Mal Gold, hat aber insgesamt bereits bei neun Medaillen gesammelt - und verfügt bei den Torlauf-Damen wie -Herren über seriöse Goldanwärter. Doch auch das ÖSV-Team geht mit absoluten Goldfavoriten ins Finale Grande.

Insbesondere Katharina Liensberger ist reif für ihren ersten Slalom-Triumph, nachdem sie zuletzt im Weltcup immer knapp dran war und nach addierten Zeiten die absolut Schnellste in der heurigen Saison ist. Hinzu kommt, dass sie nach Gold im Parallelbewerb und Bronze im Riesentorlauf - beides durchaus sensationell - befreit in den Schlussakkord, der ihre Paradedisziplin ist, gehen und darob "befreit drauflosfahren" kann, wie sie selbst sagt. "Ich freue mich riesig, dass ich mit zwei Medaillen dastehen kann. Wer hätte das gedacht? Das Schöne ist, ich kann mich jetzt wirklich auf mein Skifahren konzentrieren", meinte die Frohnatur aus Vorarlberg. Daher werde sie auch im letzten Damen-Bewerb von Cortina ihrem bisherigen Motto treu bleiben und "mit Begeisterung, mit Herz Skifahren". Noch einmal betonte sie die emotionelle Verbundenheit mit der Region, denn es sei "einfach ein Spaß, da Skifahren zu können in der Heimat von meinem Opa".

Angesichts ihrer heurigen Weltcupleistungen wäre keine Slalom-Medaille durchaus eine Überraschung: Liensberger ist nämlich die einzige Athletin, die in allen fünf Torläufen auf dem Stockerl stand - bei zwei dritten und drei zweiten Plätzen.

Größte Konkurrentin ist wohl - auch angesichts der Ergebnisse in Cortina - Shiffrin, der das Kunststück eines fünften WM-Slalom-Titels in Folge gelingen könnte. Die US-Amerikanerin hat bereits den kompletten Medaillensatz aus den Dolomiten in der Tasche, während es für die beiden anderen Saisonsiegerinnen - Petra Vlhova und Michelle Gisin - bisher nicht ganz nach Wunsch lief. Vlhova hat "nur" Silber in der Kombination stehen, Gisin ebendort Bronze geholt.

Schwarz, Feller, Matt als heiße Medaillen-Eisen

Doch dass die Papierform bei Titelkämpfen oft nur Makulatur ist, haben nicht zuletzt die Ergebnisse in den Riesentorläufen gezeigt - siehe die beiden Medaillen für die im Weltcup abgeschlagenen ÖSV-Fahrer. Zugleich scheinen erfolgreich geschlagene Edelmetallentscheidungen und das daraus resultierende Selbstvertrauen bei Titelkämpfen im Kampf um jede einzelne Hundertstel immer wichtiger zu sein - womit wir bei Marco Schwarz wären, der schon allein aufgrund seiner Slalom-Hochform samt komfortabler Weltcupführung als Topfavorit gelten muss. Noch mehr, seitdem er Kombinations-Gold und Riesentorlauf-Bronze schon fix mit nach Kärnten nehmen darf. "Trainer Marko Pfeifer hat vor dem zweiten Riesentorlauf-Durchgang gesagt, klimpern muss es beim Heimfahren. Das tut es schon. Alles, was jetzt noch kommt, ist gut. Ich werde befreit mein Skifahren durchziehen", kündigte Schwarz vor seiner "Lieblingsdisziplin" an. Hang und eisige Verhältnisse scheinen dem Schladming-Sieger zu liegen. Doch auch Flachau-Gewinner Manuel Feller und Vizeweltmeister Michael Matt sind gut für Edelmetall. Auch sie wollen noch das "Klimpern" hören.