Abtreten als Ski-Nation Nummer eins - so lautete vor Beginn des Weltcup-Winters der sehnlichste Wunsch von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, der nach 31 Jahren Amtszeit im Frühjahr seinen Job an den Nagel hängen wird. Nun, die Rückeroberung des im Vorjahr erstmals in seiner Ära verlustig gegangenen Nationencups wird sich in dieser Corona-Saison bei 749 Punkten Rückstand auf die Schweiz wohl nicht mehr ausgehen; dafür wurde der Nummer-eins-Status Österreichs bei der Ski-WM in Cortina klar fixiert - was im Hochwinter PR-mäßig ohnedies schwerer wiegt als eine Punkteklauberei im Sulzschnee zum Weltcupfinale Mitte März.

Angesichts von fünf Mal Gold, ein Mal Silber (zum Abschluss im Herren-Slalom durch Adrian Pertl) und zwei Mal Bronze konnte der 79-jährige Tiroler fast euphorisch bilanzieren: "Besser geht es ja nicht. Wir sind glücklich. Die Schweiz hat stärker begonnen als wir, aber am Schluss haben wir die Nase vorne mit den Goldmedaillen", sagte Schröcksnadel. Die Eidgenossen haben zwar um eine Medaille mehr geholt, allerdings zwei WM-Titel weniger errungen. Nach den so erfolgreichen Titelkämpfen in den Dolomiten - die sechstbesten für den ÖSV in der Historie - relativiert sich auch die Erwartungshaltung im Nationencup. "Für uns ist heuer die WM natürlich vorrangig", meinte Schröcksnadel.

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Für ihn war die WM spätestens mit dem Triumph von Vincent Kriechmayr in der Abfahrt schon gerettet - denn Gold in der Königsdisziplin überstrahlt einfach alles; erst recht, wenn man 18 Jahre drauf warten musste. Der 29-jährige Mühlviertler hatte den rot-weiß-roten Goldrausch mit seinem Sieg im Super G so richtig losgetreten, von dem letztlich auch die in den Speedbewerben glücklosen ÖSV-Damen in den Technikdisziplinen mitgerissen wurden. Mit der herzerfrischenden Katharina Liensberger (Slalom, Parallel) und Kriechmayr stellt der ÖSV zwei von gleich fünf Doppelchampions dieser Spiele: Auch Lara Gut-Behrami (Super G, RTL), Mathieu Faivre (RTL, Parallel) und Sebastian Foss-Solevaag (Slalom, Team) durften zwei Goldene im Koffer verstauen. So viele Doppelweltmeister gab es noch nie - allerdings gab es auch noch nie so viele WM-Bewerbe, nämlich 13 an der Zahl.

Dass die Ski-WM keinesfalls eine inneralpine Meisterschaft zwischen Österreich und der Schweiz ist, bewiesen nicht nur die tapfer nach unten rutschenden Exoten aus Afrika und Südamerika, sondern zeigt auch der Blick auf den Medaillenspiegel: Wie vor zwei Jahren konnten gleich neun Nationen Edelmetall erringen. Wobei sechs Länder über Gold jubeln durften - nämlich auch Frankreich, Norwegen, die USA und Italien.

Dass das "Riesentorlauf-Entwicklungsland" Österreich just in dieser Disziplin zwei Mal Bronze einfahren durfte (durch Liensberger und Kombinations-Weltmeister Marco Schwarz), wird angesichts der Weltcup-Leistungen als Sensation in die Annalen eingehen. Nicht minder sensationell das Abschneiden der Deutschen, die - ohne echte Siegläufer - die beste WM seit acht Jahren verzeichneten (drei Silber, eine Bronzene). Vor allem Super-G-Silber von Romed Baumann, der als Tiroler nach Bayern gezogen ist, um für den DSV zu starten, darf angesichts des politischen Grenzkonflikts ums Skifahren als coronaler Treppenwitz verzeichnet werden.

Flops: Parallel, Italiener

Ein Lob gebührt auch den Veranstaltern, die trotz der Wetterunbill (zuerst Schneemassen, am Schluss Frühlingstemperaturen) alle Bewerbe reibungslos auf perfekten Pisten über die Bühne brachten. Und mit rigorosen Maßnahmen für eine faire Corona-WM sorgten, was vor elf Monaten noch völlig illusorisch schien.

Als großer Makel bleibt freilich das Fiasko mit dem Parallelbewerb - aufgrund ungleicher Kurse und peinlichem Nachtragsgold für Liensberger. Hier wird die FIS nicht um Konsequenzen herumkommen. Ohne dieses Rennen stünde die Gastgebernation allerdings ganz ohne WM-Titel da, den Marta Bassino ex aequo einfahren konnte. Zwei Medaillen (Luca De Aliprandini gewann noch Silber im Riesentorlauf) entsprechen nicht den Ansprüchen einer Top-Nation, bei der es auch an der Einstellung mangelte. So sind Dominik Paris und Federica Brignone vor allem durch Herummosern am Abfahrtskurs respektive fehlende Stimmung aufgefallen.

Und auch die Schweizer Herren hätten sich gewiss mehr ausgerechnet: Dominant im Riesentorlauf, Beat Feuz als Kitz-Triumphator - doch am Ende gab es "nur" drei Mal Bronze. Insbesondere Marco Odermatt bezahlte viel Lehrgeld: Rang vier in der Abfahrt, Fehler im Super G auf Goldkurs, Ausfall im Riesentorlauf. Der 23-jährige Topstar-in-spe muss auf die nächste WM 2023 in Courchevel warten.