Es muss schon viel schieflaufen, damit sich die ÖSV-Athleten bei nordischen Weltmeisterschaften einmal nicht zu Gold, Silber oder Bronze kombinieren. In diesem Jahrtausend konnten bereits 19 Medaillen, davon 4 in Gold, auf den Schanzen ersprungen respektive den WM-Loipen erlaufen werden. Und nur bei zwei Titelkämpfen mussten die ÖSV-Kombinierer seither mit leeren Händen die Heimreise antreten - 2007 und 2009 (allerdings gab es davor bei Olympia in Turin triumphales Doppelgold und Silber mit Felix Gottwald, der wenig später seine Karriere kurz an den Nagel hängte). Für die rot-weiß-rote Medaillenbank wird es am Freitag in Oberstdorf nun erstmals ernst, wenn der Normalschanzenbewerb (10.15/16 Uhr) auf dem Programm steht.

Vor dem Auftakt im Allgäu war sich die Kombinierer-Equipe freilich gewahr, dass es einerseits gleich vier Medaillen aus den Heimspielen von Seefeld 2019 zu verteidigen und somit die Latte schon recht hoch lieg, andererseits gleich zwei der damals maßgeblich am Erfolg Beteiligten diesmal nicht mitmachen können: Franz-Josef Rehrl (Dreifach-Bronze) ist verletzt, Bernhard Gruber (Normalschanzen-Silber und Doppelbronze im Team) steht nach seinen weiterhin latenten Herzproblemen gar vor dem Karriereende.

Dennoch hat Cheftrainer Christoph Eugen zwei Asse in seinem Quartett, denen bei optimalem Verlauf alles zuzutrauen ist: Johannes Lamparter und Lukas Greiderer; Oldie Lukas Klapfer und Martin Fritz dürfen sich immerhin Außenseiterchancen ausrechnen, zumal die extrem warmen Verhältnisse auf der Loipe wohl eine Materialschlacht samt der einen oder anderen Überraschungen ergeben dürften. Und das, auf einem ziemlich fordernden Kurs. "Es ist generell schon eine anspruchsvolle Runde", meinte Lamparter zum Streckenprofil des Zehn-Kilometer-Langlaufs. "Und die Bedingungen machen das nicht leichter."

Was für Lamparter - als relativ kleiner und leichter Athlet - nicht wirklich ein Nachteil ist. Doch auch so geht der Youngster befreit in die Konkurrenzen. "Mit dem Junioren-WM-Titel habe ich mein großes Ziel schon erreicht. Das gibt mir viel Selbstvertrauen. Ich möchte weitermachen, wo ich aufgehört habe, coole Sprünge zeigen." Von der Konkurrenz misst der 19-Jährige ganz klar Jarl-Magnus Riiber die Favoritenrolle zu. Der Norweger hat sich seit Ende Jänner nicht mehr im Weltcup blicken lassen und hat auch das Mittwoch-Training ausgelassen.

"Deutschen sind heiß"

Lamparter, der zu Beginn des Winters in Ruka sensationell auf Rang zwei gelaufen war, geht trotz etlicher Medaillenanwärter optimistisch in den WM-Auftakt: "Die Deutschen sind natürlich bei der Heim-WM sehr, sehr heiß und wahrscheinlich gut in Form. Und natürlich gibt es da noch ein, zwei andere Kandidaten. Ich muss nur meine Leistungen bringen, dann kann ich sicher da vorne mitmischen."

Greiderer (27) scheint sich indes im Springen rechtzeitig vor den Titelkämpfen auf hohem Niveau stabilisiert zu haben. Bei Rang drei im jüngsten Weltcup in Klingenthal war er Bester von der Schanze, im Mittwoch-Training Bester des ÖSV-Teams. Die Nummer eins für den finalen Langlauf hat ihn zuletzt aber auch fast aus dem Konzept gebracht. "Das war total ungewohnt. Man sieht keine anderen Leute, an denen man sich orientieren kann, wie schnell man ist." Er habe es dann aber noch ganz gut hingebracht.

ÖSV-Chefcoach Christoph Eugen bescheinigt Lamparter wie auch Greiderer, in dieser Saison einen irrsinnigen Schritt nach vorne gemacht zu haben. Beide könnten nun locker drauflos springen und laufen. "Es ist nicht so, dass wir unbedingt eine Medaille machen müssen. Wir haben die Chance, aber es sind andere die Favoriten." An Klapfer und Fritz wiederum schätzt der Trainer, dass sie sich läuferisch sehr gut entwickelt hätten.

Klapfer sieht das für sich auch auf der Schanze - und hat das im Mittwoch-Training bestätigt: "Ich bin mental und körperlich in einer guten Verfassung. Ich habe mich ganz gut mit einem Ausrufezeichen hingestellt." Der 35-Jährige ist freilich weit davon entfernt, sich nun unter die Favoriten schieben zu wollen. Dafür habe er in einer Saison ohne Top-Ten-Platz zu wenig geholt. "Von dem her brauche ich mir keinen Druck machen. Ich bin neutral und locker am Weg und kann nur positiv überraschen."

"Es geht was"

Sein steirischer Landsmann Fritz steht im Vergleich derzeit nicht ganz so stabil da. "Ich habe heuer extrem viel ins Laufen investiert, habe mir auf der Schanze aber extrem schwergetan." Zuerst sei die Laufform auch richtig gut geworden. "Und ich glaube auch, dass wir jetzt richtig gut trainiert haben auf der Schanze, dass da auf jeden Fall was geht" sagte der 26-Jährige. Immerhin: Auf der kleinen Schanze fühle er sich wohler als auf der großen. Das gilt es am Freitag zu beweisen. So wie die Kombinierer-Dauerrolle als nordische Medaillenbank.(may)