Was so ein enttäuschendes Erlebnis alles auslösen kann! In Kitzbühel galt Vincent Kriechmayr als Top-Favorit auf den prestigeträchtigsten Titel im alpinen Ski-Weltcup - doch statt sich nach seiner Trainingsbestzeit wenigstens einen der beiden Streif-Titel zu sichern, landete der Mühlviertler abgeschlagen und frustriert auf den Plätzen 9 und 17. Doch statt daran zu verzweifeln, münzte Kriechmayr diese negative Erfahrung in positive Energie um - drehte beim Setup noch einmal jeden Stein um, um erst dann so richtig in der Saison durchzustarten. Und wie! Super-G-Sieg in Kitzbühel, Super-G-Sieg in Garmisch, Super-G-Gold in Cortina, Abfahrts-Gold in Cortina. Und zu guter Letzt folgte am Donnerstag die finale Krönung einer (fast) perfekten Rennsaison in Form der Kristallkugel im SuperG. Kampflos zwar, weil weder die Damen- noch die Herrenrennen in Lenzerheide wegen Nebels und neuerlicher Schneemassen stattfinden konnten, doch keinesfalls unverdient. Immerhin wurde der Schweizer Marco Odermatt am Ende um satte 83 Zähler distanziert.

Für die ÖSV-Herren ist es das erste Super-G-Kristall seit Hannes Reichelt anno 2008. Nach einer kugellosen Vorsaison schreiben Alpin-Männer also im Winter 2020/21 mit zweimal Kristall an, denn am vergangenen Sonntag hatte der Kärntner Marco Schwarz in Kranjska Gora vorzeitig die Slalomwertung gewonnen. Matthias Mayer, der Zweite der Abfahrtswertung, landete im Super G an der dritten Position.

Kriechmayr wäre am Donnerstag ein finaler Showdown eigentlich lieber gewesen: "Schade dass wir kein Rennen hatten, dann wären die Emotionen sicher ein bisschen größer gewesen, sofern ich gut gefahren wäre natürlich", meinte der Gramastettner nach dem Erhalt der Kristallkugel. "Es ist ein schöner Moment und eine Genugtuung. Es war eine schöne Saison, ich kann sehr stolz sein." In der Vorsaison hatte der Oberösterreicher die kleine Kugel nur um drei Punkte verpasst; auch in den Saisonen davor war er immer knapp dran gewesen. "Dass ich jetzt eine Kugel habe, da muss ich auch ein Dankeschön an meine Teamkollegen richten. Nur durch starke Konkurrenz wird man besser, sie haben mich gepusht."

Damit meinte Kriechmayr auch seinen Kugelvorgänger Reichelt. "Dass ich jetzt in seine Fußstapfen treten kann, ist ein schöner Zufall, vor allem, da er jetzt seine Karriere beendet hat. Ich hoffe schon, dass wir nicht mehr so lange auf eine Kugel im Super G warten müssen."

Reichelt fuhr in Lederhose

Reichelt wollte am Donnerstag eigentlich seine Abschiedsvorstellung als Super-G-Vorläufer geben - daraus wurde zwar nichts, der 40-Jährige durfte dennoch einen Abschiedsrun absolvieren. In der Lederhose. Im Ziel wurde der Salzburger schließlich von den Kollegen, Trainern und Betreuern mit einer Sektdusche empfangen. "Ich bin heute munter geworden und habe mir gedacht, Rennen! Ach nein, es ist vorbei. Da ist schon ein Riesenbrocken von mir gefallen, ich bereue es noch nicht. Emotional bin ich aber bei weitem noch nicht weg vom Skifahren", meinte der Super-G-Weltmeister von 2015 und Kitzbühel-Sieger anno 2014.

Durch die Absagen der beiden letzten Speed-Rennen in diesem Jahr (am Mittwoch mussten die Abfahrten gestrichen werden), wird es im Kampf um die großen Kristallkugeln für die Verfolger immer schwieriger. Bei den Herren hat der Franzose Alexis Pinturault vor den abschließenden Rennen im Riesentorlauf und Slalom 31 Zähler Vorsprung auf Odermatt; die Slowakin Petra Vlhova nimmt 96 Zähler Polster auf Gut-Behrami mit in das Wochenende.

Für die beiden Schweizer wird es daher trotz Heimvorteils in Lenzerheide fast schon aussichtslos, die große Kugel noch zu erobern. Denn während im Riesentorlauf die Chancen ausgeglichen sind, hat Odermatt noch nie einen Weltcupslalom bestritten, Pinturault reicht somit am Samstag in seiner Paradedisziplin schon ein zweiter Rang. Gut-Behrami indes denkt gar nicht dran, am Samstag die kurzen Slalom-Latten anzuschnallen. "Ich habe heute etwas gewonnen und nichts verloren", sagte Gut-Behrami und verwies damit auf das kleine Kristall in der Super-G-Wertung.

Odermatt: "Vinc Bester"

Enttäuscht war indes Odermatt: "Das ist natürlich sehr schade, gestern und heute sind große Chance bezüglich Gesamtweltcup verloren gegangen. Auch der Kampf mit Vinc wurde vorzeitig entscheiden. Es ist, wie es ist. Vinc war der beste Super-G-Fahrer, er hat es sich verdient", sagte der 23-jährige Schweizer. "Meine Form ist sehr gut, der Hang ist auch gut für mich. Theoretisch wäre es sicher möglich gewesen, wenn mir Vinc ein bisschen geholfen hätte. Was er sicher nicht gemacht hätte. Aber man hofft bis zum Schluss." Sein Fokus liege jetzt auf der kleinen Kugel im Riesentorlauf - danach werde er weiterschauen.(may)