Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte. Und in diesem Fall haben sogar mehr gestritten. Denn längst ging es im Rennen um die Präsidentschaft im österreichischen Skiverband nicht mehr allein um die Frage, ob Renate Götschl oder Michael Walchhofer im Juni die Nachfolge des seit 1990 amtierenden Peter Schröcksnadel antreten soll, sondern vielmehr um Macht und Einfluss im heimischen Wintersport-Multiversum. Weil sich die Landesverbandspräsidenten nach stundenlanger Sitzung (sowie Irritationen über Götschls Fernbleiben) nicht einigen konnten, zauberte der Vertreter Niederösterreichs buchstäblich in einer Nacht- und Nebelaktion Karl Schmidhofer als Kompromissvorschlag aus dem Hut, auf den man sich schließlich verständigte. Nach einer kurzen Nacht gaben Götschl und Walchhofer dann offiziell ihren Verzicht bekannt.

Der 59-jährige Unternehmensberater, Onkel von Ex-Super-G-Weltmeisterin Nicole Schmidhofer und ÖVP-Nationalratsabgeordneter, sieht sich gerüstet für die Leitung des 300 Mitarbeiter-, 1100 Vereine- und 140.000 Mitglieder-starken Verbandes, der über ein Jahresbudget von 40 Millionen Euro verfügt. Als ehemaliger geschäftsführender Gesellschafter der Lachtal Seilbahnen (1993-2014) und Kreischberg Seilbahnen (2001-2014), Eigentümer und Geschäftsführer der Lift GesmbH St. Lambrecht-Grebenzen (2015-2018) und Geschäftsführer der Hauser Kaibling Seilbahn (2019) kann man ihm wirtschaftliche Erfahrung jedenfalls nicht absprechen - Selbiges hätte aber ebenso für Hotelier Walchhofer gegolten.

Nichts wurde es aus einem Präsidenten Michael Walchhofer... - © apa / Barbara Gindl
Nichts wurde es aus einem Präsidenten Michael Walchhofer... - © apa / Barbara Gindl

"Ich bin sehr zufrieden, weil es für mich völlig unerwartet gekommen ist, dass ich jetzt für den ÖSV in die Bresche springen darf", sagte Schmidhofer, der sein Nationalrats-Mandat nach seiner Wahl zurücklegen will. "Ich weiß, was das für eine Aufgabe ist und dass das mit dem Aufwand im Nationalrat nicht vereinbar wäre."

Ein Beigeschmack bleibt dennoch. Schließlich hatte nicht zuletzt Schröcksnadel Walchhofer noch seine Nähe zur ÖVP vorgeworfen und betont, er wolle die Politik aus dem Sport heraußen haben. Dass auch Götschl den steirischen Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer öffentlich schon unterstützt hat, ließ der Langzeitpräsident freilich unerwähnt.

Im Hintergrund dürfte es aber ohnehin um anderes gegangen sein. Denn Walchhofer hatte erklärt, er wolle ebenso wie sein Vorgänger die vollen Befugnisse auch über die Tochtergesellschaften des ÖSV haben. Erst danach hatte sich der Wind gegen den Ex-Abfahrtsweltmeister gedreht. Schröcksnadel bestreitet zwar, weiter die Fäden in den Händen halten zu wollen, Insider berichteten aber unter anderem dem "Standard", dass sehr wohl Druck ausgeübt worden sei.

...oder einer Präsidentin Renate Götschl - © apa / Barbara Gindl
...oder einer Präsidentin Renate Götschl - © apa / Barbara Gindl

Gewaltiges Imperium

Zwar ist der ÖSV nicht Gewinn-orientiert, im Hintergrund hat er aber die Hausmacht im gesamten Wintersport sowie den angeschlossenen Branchen. Als Gesellschaften des ÖSV sind die Austria Ski Veranstaltungsgesellschaft m.b.H., die Austria Ski WM und Großveranstaltungs Ges.m.b.H., die Austria Ski Nordic Veranstaltungsgesellschaft m.b.H., die Austria Ski Team Handels- und Beteiligungsgesellschaft m.b.H., die Austria Ski Sportanlagen Betriebsgesellschaft m.b.H., die Austria Ski Management und Marketing Ges.m.b.H. sowie die Bergisel Betriebsgesellschaft m.b.H. eingetragen - also zusätzlich zu Schröcksnadels privaten Unternehmungen ein beträchtliches Imperium, in dem großteils er selbst oder ihm nahestehende Personen das Sagen hatten. Nun beteuert der mittlerweile 79-Jährige zwar, auch dort bereits seinen Rückzug in die Wege geleitet zu haben; dass aber Schmidhofer mit derselben Machtfülle ausgestattet wird wie er, bleibt zweifelhaft.

Stattdessen tauchten gerüchteweise für wichtige Posten bereits andere Namen auf wie jener Philipp Trattners, derzeit Leiter der Sektion Sport im Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport. Gegenüber dem "Standard" bestätigte Trattner, der eine gute Beziehung zu Schröcksnadel unterhält, am Dienstag zwar, dass es einen "Informationsaustausch" gegeben habe, es liege aber "nichts auf dem Tisch". Zudem fülle ihn sein Job in Wien aus. Doch wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie schnell sich der Wind in der rauen Bergluft drehen kann, hat die Nacht- und Nebelaktion von Anif diesen eindrucksvoll geliefert.