Die gefährlichste Rennstrecke der Welt ist in ein mildes Licht getaucht. Statt Eis, Schnee und fidele Zuschauermassen herrscht am Hahnenkamm beschauliche Ruhe: Am Fuße der Mausefalle grasen seelenruhig die Kühe, vor der Seidlalm machen Wanderer Bekanntschaft mit Ponys, und die spätsommerliche Postkartenidylle am Hausberg ist untermalt vom kontemplativen Piepen der Falken. Doch der nächste Skiwinter und damit die 82. Hahnenkammrennen (17.-23. Jänner) nahen mit Riesenschritten. Und geht es nach den Organisatoren, sollen die anders werden als die 81. - jedenfalls punkto Sicherheit für die Fahrer. Denn im Jänner sorgten Geschwindigkeiten im Zielschuss nahe 150 km/h für gefährliche Szenen beim legendären Zielsprung - und einen Horrorsturz des Schweizers Urs Kryenbühl. Später folgte der Rennabbruch. "Das brauche ich nicht mehr. Sonst zerreißt’s uns irgendwann die Fahrer", sagt dazu Michael Huber, der Präsident des Kitzbühler Skiclubs (KSC), im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Und darum wird seit dieser Woche umgebaut.

Nie wieder über 140 km/h

Konkret sind nun zwischen Hausbergkante und Querfahrt - also an der Schlüsselstelle oberhalb des Zielschusses - die Bagger aufgefahren. Die Idee ist, den Radius dieses Streckenabschnittes, der an dieser Stelle eine stramme Linkskurve macht, zu erweitern, um das Tempo schon nach dem Sprung über die Hausbergkante zu drosseln. Es werden Hügel abgegraben, Sicherheitsnetze versetzt, anschließend wird die Grasnarbe wieder planiert. Huber schätzt - nach einer sommerlichen Begehung mit FIS-Rennchef Hannes Trinkl -, dass sich die Streif dadurch um 20 bis 50 Meter verlängert. Viel wichtiger ist aber, dass damit die Höchstgeschwindigkeiten vor dem tückischen Zielsprung selbst bei extrem schnellem Schnee wie heuer ein Limit bekommen: "Unser Ziel ist, unter 140 km/h zu bleiben, weil dann ist der Zielsprung problemlos zu bewältigen. Aber jeder km/h darüber macht es immer gefährlicher." Eine Tempo- als Notbremse sozusagen.

Der Bagger bereitet vor der Querfahrt die neue Fahrlinie vor - mit dem Kitzbühler Horn als Kulisse. - © KSC
Der Bagger bereitet vor der Querfahrt die neue Fahrlinie vor - mit dem Kitzbühler Horn als Kulisse. - © KSC

Wie es in der Praxis dann aussieht, wird wohl erst das nächste Streif-Spektakel zeigen: Wahrscheinlich werde es zwei zusätzliche Tore und also eine neue Kurve vor der Traverse geben; bei Neuschnee und geringem Tempo sei aber auch durchaus die alte, direkte Streckenführung möglich, so Huber. Auch Frontaleinschläge ins Sicherheitsnetz - wie heuer von US-Star Ryan Cochran-Siegle - sollen damit nicht mehr möglich sein. Auch Hermann Maier war 1999 eines der vielen prominenten Opfer der Fliehkräfte an dieser Passage - so wie der aktuelle Kitz-Doppelsieger Beat Feuz anno 2017.

Eberharter-Linie passé

Und was ist mit der legendären Stephan-Eberharter-Linie, die dieser bei der "perfekten Fahrt" anno 2004 erstmals auspackte? "Die dürfte es künftig nicht mehr geben", stellt der KSC-Präsident klar. Er verstehe zwar, dass manche Fahrer darob die Umbaupläne kritisch sehen, doch letztlich habe er als Verantwortlicher keine andere Wahl: "Ein Rennfahrer hat nur ein einziges Ziel, nämlich schnellstmöglich spektakulär unten zu sein. Aber es nutzt nichts - wir als Verantwortliche können so nicht weitermachen." Schließlich rühmt sich die Gamsstadt auch damit, dass noch nie ein Fahrer tödlich verunglückt ist - und das soll auch so bleiben. "Die Streif ist ja keine moderne, neu entworfene Rennstrecke. Da muss man immer wieder dran arbeiten, dass sie dem Menschenmöglichen entspricht", erklärt Huber. Übrigens gibt es die Ur-Streif ohnedies nicht mehr: Jeder Teil der Rennstrecke sei irgendwann von Menschenhand wohlbedacht modelliert worden. "Die Mausefalle wurde 1948/49 gebaut, die sah früher ja ganz anders aus - da musste viel gesprengt werden", so Huber. Nachsatz: "Im Vergleich dazu ist das jetzt ganz wenig."

Baulich nicht wenig wäre es freilich gewesen, die einzige Alternative zu den aktuellen Umbauplänen zu realisieren - nämlich den Zielsprung drastisch zu verändern: "Auf gut Deutsch gesagt, hätten wir den ganzen Berg abgraben müssen. Das kann es dann auch nicht sein", sagt Huber, der noch aus einem anderen Grund optimistisch Richtung 82. Auflage des Skispektakels blickt - Stichwort Corona. Geisterrennen sollen es nächstes Jahr jedenfalls nicht mehr geben: "Wir kennen jetzt die Richtlinien der Regierung: Selbst unter verschärften Regeln werden Zuschauer möglich sein", hofft Huber.

Dann wird es mit der Beschaulichkeit am Hahnenkamm endgültig vorbei sein.