Gregor Schlierenzauer hatte zuletzt viel Zeit zum Nachdenken. Und vielleicht hat er ja den Entschluss, seine Skisprung-Karriere ein für alle Mal zu beenden, unterbewusst bereits bei jenem einsamen Morgenspaziergang getroffen, den er Ende Juli mit Hund Jimmy auf den Hügeln südlich von Innsbruck unternommen hat. Die von ihm online geteilten Schwarz-Weiß-Fotos des "Morning Walk" lassen zumindest die Stimmung erahnen, die den seit Februar an einem Kreuzbandriss laborierenden 31-Jährigen bisweilen ergriffen hat und die ihn wohl dazu veranlasste, am 21. September sein Karriereende bekanntzugeben. Dabei dürften die körperlichen Beschwerden und das Einsehen um die Grenzen der eigenen Gesundheit eine Rolle gespielt haben, mehr aber noch die seelischen. Erst im Mai hatte der Skiverband mitgeteilt, aufgrund anhaltend schwacher Leistungen in der Saison 2021/22 erneut auf Schlierenzauer im Kader zu verzichten. Der eine oder andere hämische Kommentar in den Sozialen Medien und auf der Webseite des Adlers tat dann das Übrige.

Allein Schlierenzauer ließ sich von all dem nichts anmerken. Kein Selbstmitleid, keine Vorwürfe, keine Trauer. "Jede Landung ist ein neuer Start", unter diesem Motto, schrieb er in seinem Blog, wolle er sich jetzt "neuen Aufgaben" widmen und "mit Leidenschaft", "voller Tatendrang und Neugierde" ein neues Kapitel seines Lebens aufschlagen. Einblicke in sein Seelenleben lieferten die Abschiedsworte kaum: "Die letzten Monate waren für mich herausfordernd. In positiver Hinsicht. Durch die Verletzungspause hatte ich ausreichend Zeit und den nötigen Abstand, um Vergangenes aufzuarbeiten und zu sehen, wo ich jetzt stehe", heißt es da. "Meine aktive Karriere zu beenden, ist mir nach all dem, was ich als Spitzensportler erleben durfte, nicht leicht gefallen - aber die Entscheidung fühlt sich wie der Zeitpunkt richtig an."

Ob nun der Zeitpunkt des Abtretens richtig gewählt war oder nicht - eines bleibt unbestritten. Gregor Schlierenzauer, der zweifache Weltcup-Gesamtsieger, darf auf eine außergewöhnliche Karriere zurückblicken: Neben den 53 Einzel-Siegen im Weltcup war er auch 17 Mal mit dem Team erfolgreich und holte 2011/12 und 2012/13 die Vier-Schanzen-Tournee. Zudem gewann er bei Olympischen Winterspielen Team-Gold (2010) sowie eine Team-Silbermedaille (2014) und zwei Einzel-Bronzemedaillen auf der Normal- und Großschanze (2010). Bei nordischen Weltmeisterschaften kürte er sich sechs Mal zum Weltmeister und holte zudem fünf Mal Silber und ein Mal Bronze. Zählt man auch die vier Skiflug-WM-Goldmedaillen und eine -Silbermedaille dazu, hat Schlierenzauer sogar 17 WM-Medaillen geholt. Zu den Leistungen angespornt wurde er unter anderem von seinem Teamkollegen Thomas Morgenstern. Das Duo pushte sich gegenseitig zu Höchstleistungen, sie verband aber auch eine zumindest kollegiale Freundschaft.

Aha-Erlebnis bei der Vierschanzentournee 2015/16

Während Morgenstern nach mehreren Stürzen und aufgrund psychischer Belastungen bereits im September 2014 seinen Rücktritt erklärte, blieb Schlierenzauer dem Skizirkus erhalten, ohne allerdings an die früheren Leistungen anschließen zu können. Es scheint so, als ob ihn mit Morgensterns Ausscheiden das Skispringerglück verlassen hätte. Am 6. Dezember 2014 feierte der Ski-Star bei der "Windlotterie" im norwegischen Lillehammer seinen letzten Weltcup-Sieg - und wie das bei Pharaonen halt so ist, folgten auf sieben fette Jahre sieben magere.

Durchschnittliche Leistungen wechselten mit Trainingspausen und medizinischen Checks, das erste, auch von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommene Aha-Erlebnis hatte der Tiroler aber bei der Vier-Schanzen-Tournee 2015/16, als er vom ÖSV aufgrund zu schwacher Ergebnisse vor dem letzten Springen aus der Konkurrenz genommen wurde. Es folgten Kreuzbandriss Nummer eins sowie ein 31. Platz beim Comeback in Wisla (Jänner 2016), verbunden mit der Konsequenz, im zweiten Durchgang nicht mehr antreten zu dürfen. Aber es gab auch Lichtblicke: Die Team-Bronzemedaille bei der Nordischen WM 2017 in Lahti etwa, oder sein Weltrekordsprung auf 253,5 Meter in Planica ein Jahr später (der allerdings aufgrund eines kurzen Griffs in den Schnee nicht gewertet wurde).

Es waren diese kleinen Lichtblicke, die Schlierenzauer offenbar weiter antrieben und hoffen ließen, bis ihn eine Knieverletzung vor Beginn der Nordischen WM in Oberstdorf (2020), eine Corona-Erkrankung und ein erneuter Kreuzbandriss die Segel - oder besser die Flügel - streichen ließ. Mit dem Tiroler hat sich am Dienstag ein Sportler verabschiedet, der als einer der größten Athleten, der "fast alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt", wie es ÖSV-Sportchef Mario Stecher in einer ersten Reaktion ausdrückte, in die Annalen der heimischen Geschichte eingehen wird. Und wer weiß, vielleicht bringt es Schlierenzauer ja noch zum Philosophen? "Reife passiert und definiert sich als zeitloser und schleichender Prozess, der Gelassenheit im System verankert und Demut produziert", schreibt er in einem Online-Portrait über sich selbst. Man könnte es auch einfach Zufriedenheit nennen.