Als vor einem Jahr - mitten in der zweiten Corona-Welle und unmittelbar vor dem langen Winterlockdown - der Start in die neue Ski-Weltcupsaison erfolgte, so war dies tatsächlich eine "Schussfahrt ins Ungewisse", wie die "Wiener Zeitung" damals titelte. Denn keiner wusste vor zwölf Monaten so recht, ob das erstmals am Söldener Rettenbachferner erprobte Corona-Regime - mit strenger PCR-Blase, ausgesperrten Fans und vielen anderen Hygienemaßnahmen - im epidemiologisch hochriskanten Winter auch tatsächlich funktionieren würde. Doch es hat - bis auf wenige Ausnahmen respektive Verschiebungen - funktioniert. Und nun liegt es neuerlich am traditionellen Weltcup-Auftaktort, ins neue Ski-Zeitalter mit längst eingeübten Sicherheitsmaßnahmen, aber wieder vor Kulisse, einzutauchen. Ob und wie dies gelingt, wird man nach den beiden Riesentorläufen am Wochenende (Samstag die Damen, Sonntag die Herren) wissen.

Klar ist, dass man von alter Normalität - mit gewollter oder ungewollter Nähe zu Fans, VIPs und Co. - doch noch sehr weit entfernt ist: Denn das Blasensystem, das Athleten, Medien und Fans trennt, bleibt weiterhin aufrecht. Immerhin ist es gemäß Covid-19-Sicherheitskonzept möglich, 7.000 Zuschauer am Samstag und 9.000 am Sonntag zum Gletscher zu karren, damit ebendort der Jubel nicht mehr aus der Konserve kommen muss.

Richtig gejubelt wurde von den einheimischen Fans in Sölden ohnedies schon lange nicht mehr, liegt doch der letzte rot-weiß-rote Auftakttriumph eine halbe Ski-Ewigkeit zurück. 2014 waren es Anna Veith und Marcel Hirscher, die zum Doppelsieg rasten; auch der bis dato letzte Stockerlplatz am Rettenbachferner ging an den Ausnahmekönner a. D. aus Annaberg (Zweiter 2016). Es ist also eine elendslange ÖSV-Durststrecke, die im Riesentorlauf - von der Parade- zur Problemdisziplin mutiert - in den vergangenen Jahren zurückgelegt wurde. Tiefpunkt waren die (negativ) epochalen Resultate im Vorjahr, als man sich mit den Rängen 15 (Damen) und 17 (Herren) regelrecht blamierte.

Zwei Mal WM-Bronze

Dass es heuer fundamental anders läuft, darauf sollten sich die rot-weiß-roten Zaungäste nicht zwingend einstellen, selbst wenn bei der WM in Cortina zwei Mal sensationell Bronze eingefahren werden konnte (durch Katharina Liensberger und Marco Schwarz). Beide tragen am Wochenende auch die rot-weiß-roten Hoffnungen, allerdings nicht alleine. Da die Saison auf den Höhepunkt Olympia im Februar ausgerichtet ist, könnte der Auftakt aber für viele noch zu früh kommen.

Für ÖSV-Rennsportleiter Christian Mitter geht es nach der Vorjahres-Schmach natürlich auch um Wiedergutmachung. Denn: "Das ist unser Heimgletscher." Auch wenn Mitter von einem Sieg träumt, bleibt er auf 3000 Meter Seehöhe doch am Boden der Tatsachen. "Der Plan ist immer, dass man gewinnt. Aber das ist natürlich sehr verwegen und derzeit nicht sehr realistisch." Er wäre schon sehr zufrieden, wenn die Rennfahrerinnen zeigen würden, "dass sie gewinnen wollen". "Dann sind wir sicher nicht weit hinten." Insgesamt hofft er aber, dass heuer die Lücke zur Weltspitze - Mikaela Shiffrin, Marta Bassino, Federica Brignone, Lara Gut-Behrami und Petra Vlhova - verkleinert werden konnte: "Wir sind stabiler geworden und haben zuletzt aufgezeigt. Ich hoffe, dass das hier am Samstag auch wieder passiert. Zuletzt waren jedenfalls super Schwünge dabei."

Außer Slalom-Weltmeisterin Liensberger ("Ich weiß, dass ich sehr schnell sein kann") ruhen die Hoffnungen auch auf Dauer-Knie-Patientin Stephanie Brunner, die es heuer noch einmal wissen will. "Wir sind jedenfalls besser als Platz 15", meinte die 27-jährige Tirolerin.

Nicht viel anders ist die Situation in der Herren-Riesentorlauf-Equipe, die in der vergangenen Saison spät, aber doch aufzeigen konnte. Nach dem Bronze-Coup von Schwarz war es vor allem Stefan Brennsteiner, der im Weltcup-Finish mit zwei dritten, einem vierten und einem fünften Rang dort landete, wo man ihn kraft seiner Fähigkeiten immer ansiedelte - in der erweiterten Weltspitze. Ob er und seine Kollegen diese Ergebnisse zum Auftakt bestätigen können, wagte Herren-Rennsportleiter Andreas Puelacher nicht zu prognostizieren. "Dazu habe ich zu wenig gesehen, was die anderen gemacht haben."

"Kein Sorgenkind mehr"

Für ihn ist aber gewiss, dass der Riesentorlauf heuer "kein Sorgenkind" mehr sein werde. "Ich bin mir sicher, die Burschen haben sich weiterentwickelt, sie haben hart gearbeitet. Wir sind auf einem sehr guten Weg." Das glaubt auch Manuel Feller, der im Vorjahr einmal Sechster war und nun mit "gutem Vibe" nach Sölden reiste: "Skifahrerisch ist sehr viel weitergegangen, vor allem weil der Körper sehr gut passt", meinte der 29-Jährige, den zuletzt immer wieder der Rücken zu schaffen machte. Dieser wird auch heuer wieder enorm beansprucht, stehen doch bis zum Weltcup-Finale in Courchevel am 20. März bei Damen wie Herren je 37 Rennen auf dem Programm.