Bevor am Wochenende im winterlichen Nischnij Tagil die neue Skisprung-Saison beginnt, tut ein bisschen Gedächtnis-Auffrischung gut: Gesamt-Weltcupsieger der vergangenen Saison wurde der Norweger Halvor Egner Granerud, die Vierschanzentournee holte der Pole Kamil Stoch, der Pokal für die Nationenwertung ging an Norwegen. Und die Österreicher? Die erlebten im Weltcup ein ziemliches Desaster, gelang doch in der ganzen Saison kein einziger Einzelsieg. Wäre nicht der Großschanzen-WM-Titel von Stefan Kraft in Oberstdorf gewesen, Cheftrainer Andreas Widhölzl hätte sich wohl vor Rücktrittsaufforderungen nicht erwehren können.

Heuer bietet bekanntlich der Olympia-Winter den ÖSV-Adlern jede Menge Gelegenheiten, Versäumtes des ersten Corona-Winters nachzuholen. Genau das Virus bereitet Widhölzl vor dem Auftakt im Ural (Qualifikation Freitag, 16.30 Uhr/1. Konkurrenz Samstag, 18.30 Uhr) neuerlich Kopfzerbrechen, wurde doch seine Equipe im Vorjahr von einem Cluster erfasst und entsprechend geschwächt. Heuer möge Corona nicht noch einmal "dazwischenfunkten", so Widhölzl, der auf einen nahezu komplett durchgeimpften ÖSV-Tross zählt.

Befragt nach seinen sportlichen Zielen bleibt der 45-jährige Tiroler recht allgemein: "Wir wollen vorne mitmischen." Um dann konkrete Anleihen an Ex-ÖSV-Boss Peter Schröcksnadel zu nehmen: "Der Nationencup ist für mich ein persönliches Ziel, ich will ganz am Schluss in Planica stehen, das gelbe Trikot überstreifen und als Siegernation heimfahren." Dazu braucht es allerdings eine kollektive Kraftanstrengung, denn im Vorjahr betrug der Abstand auf die Norsker gewaltige 1.907 Punkte. Sollte sich die Form, die auf Peking ausgerichtet ist, nicht umgehend einstellen, rät Widhölzl: "Geduldig bleiben, es passiert viel im Winter."

Kraft mit Wehwehchen

Erstes Saison-Highlight ist naturgemäß die Vierschanzentournee, die wahrscheinlich wieder nicht vor Fans über die Bühne gehen kann: Zehn Bewerbe nach dem Weltcup-Auftakt folgen die Springen in Oberstdorf, Garmisch, Innsbruck und Bischofshofen. Der Tross macht dieses Mal sogar länger in Österreich Station, denn in Bischofshofen folgen nach dem Tournee-Finale noch ein zusätzliches Einzelspringen und danach ein Teambewerb. Im Februar wird bei Olympia in Peking von bisher unbekannten Schanzen gesprungen, danach findet im europäischen Norden die lukrative Raw-Air-Serie statt, ehe im März Riesenweiten erzielt werden: Nach der Skiflug-WM in Vikersund geht es in Oberstdorf und Planica von großen Bakken um Punkte.

Die ÖSV-Hoffnungen ruhen natürlich vor allem auf Stefan Kraft. Der 28-Jährige wähnt sich aber noch nicht in Topform: "Ich möchte sicher wieder einer der besten Skispringer sein, auch wenn ich glaube, dass ich dazu noch etwas Zeit brauche." Gewichtsmäßig hat der Pongauer zwei Kilogramm zugelegt (wodurch der Ski zwei Zentimeter wachsen durfte), um so besser durch die kräftezehrende Saison zu kommen. Allerdings lief seine Vorbereitung nicht optimal: Wieder zwickte der Rücken, vor drei Wochen knöchelte er zudem um. "Bisserl patschert immer wieder, ein paar sinnlose Wehwehchen immer wieder", lautet sein Befund voll Selbstironie.

Auch der aktuelle Doppelstaatsmeister Daniel Huber (28) rechnet sich heuer einiges aus: Im Vorjahr holte er in Nischnij Tagil mit Platz zwei sein bestes Einzelergebnis, ehe er wie drei andere Teamkollegen Corona-Alarm auslöste. "Der erste Weltcup-Sieg und Top-Ten im Gesamtweltcup stehen ganz weit oben auf der Liste. Und so in Form zu sein, dass ich bei jedem Großereignis um die Medaillen mitkämpfen kann." Ähnliches ist vom Potenzial her Philipp Aschenwald (26) zuzutrauen. "Platzierungstechnisch bin ich immer ein wenig hinten nach gelaufen. Mit ein bissl mehr Ruhe funktioniert es besser."

Von den ÖSV-Küken kann sich gleich zum Start Daniel Tschofernig (19) präsentieren. "Ich fliege mit einem großen Grinser nach Russland und freue mich richtig auf das große Abenteuer", sagte der Kärntner.