Einmal Frohnatur, immer Frohnatur: Als Nicole Schmidhofer voriges Jahr - eine Woche vor Weihnachten - zum Schrecken aller Skifans einen grauslichen Sturz fabrizierte, indem sie nach einem Sprung mit gut 100 Sachen frontal aufs Netz zuraste und dieses mit ihren scharfkantigen Skiern durchschnitt, kommentierte sie diesen wenig später am Krankenbett mit Humor. "Es hat ein bisschen cool ausgeschaut", sagte sie tatsächlich nach dem ersten Studium ihres dramatischen Abflugs. "Es hat im TV ein bisschen wie Magic - wie David Copperfield ausgesehen. Da fährt die Nici - und da ist der Kamera-Schnittpunkt. Und dann ist die Nici weg."

Und jetzt ist die Nici wieder da. Auf der großen Bühne im Ski-Weltcup nämlich, der sie vor elf Monaten in Val d’Isere so brutal abgeworfen hatte. Wüsste man es nicht besser, man könnte annehmen, es wären nicht moderne Medizin- und Reha-Techniken im Spiel gewesen, sondern Magie. Denn dass die 32-jährige Steirerin bereits am Mittwoch ins Abfahrtstraining von Lake Louise einzusteigen plant, kommt einem kleinen Ski-Wunder gleich.

Das begann schon an jenem 18. Dezember 2020 auf der legendären OK-Piste, die die Super-G-Weltmeisterin von 2017 beinahe für immer aus der Bahn geworfen hätte. Denn schon die Art des Sturzes ließ böse Erinnerungen an dramatische Unfälle in der Ski-Historie aufkommen. Für Silvano Beltrametti (ebenfalls 2001 in Val d’Isere) endete das Durchschlagen des Sicherheitsnetzes mit Querschnittlähmung im Rollstuhl; für Gernot Reinstadler zehn Jahre zuvor am Lauberhorn sogar im Grab, nachdem sich sein Ski in der Sicherheitsplane unglücklich verfangen hatte. Dass sich also Schmidhofer bei dem Sturz, der für die Öffentlichkeit nie sicherheitstechnisch aufgeklärt wurde, "nur" einen komplizierten Verrenkungsbruch des linken Kniegelenks zugezogen hat ("Mein Fuß ist in die falsche Richtung gestanden"), der das Zerreißen aller unterstützenden Bänder zur Folge hatte, könnte auch so etwas wie Glück gewesen sein. Zumindest kann man fast ein Jahr danach ganz anderes zurückblicken, zumal zunächst von den Chirurgen ganz andere Prioritäten gesetzt werden mussten, als Schmidhofers Profikarriere zu retten.

Amputation drohte

Wenn man sich die Bilder des Unfalls ansehe, müsse man froh sein, "dass es so ausgegangen ist", erklärte im März ihr behandelnder Arzt Jürgen Mandl. Denn bei einem Drittel dieser Verletzungen gebe es auch Schädigungen der Gefäße und Nervenbahnen. "Da hätte wesentlich mehr passieren können." Sprich: die Amputation. Was wiederum Assoziationen zu Hermann Maier weckt, der diesem Schicksal 2001 (Motorradunfall) ebenso entronnen ist; und natürlich Matthias Lanzinger, dem nach einem Sturz in Kvitfjell 2008 durch Schlamperei allerdings der linke Unterschenkel entfernt werden musste.

"Knie zeigt keine Reaktion"

Nach vier Operationen in Graz, Reha, sanfte Vorbereitung auf die Saison und einem Trainingskurs in Copper Mountain kann Schmidhofer nun ihr Comeback, das sie mit Ehrgeiz und Bestemm nie aus den Augen gelassen hat ("Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann will ich das unbedingt"), wagen. Das Wichtigste ist aus ihrer Sicht: "Es stimmt mich sehr positiv, dass mein Knie so überhaupt keine Reaktionen zeigte." Während die dreifache Lake-Louise-Siegerin mit der Hochgeschwindigkeitsstrecke im Banff-Nationalpark weniger Probleme erwartet ("An die Geschwindigkeit konnte ich mich überraschend schnell anpassen"), könnte ihr die körperliche Belastung bei einer Höhe von 3.000 Metern zu schaffen machen - Stichwort Trainingsrückstand. "Ich sehe Lake Louise als weitere Trainingswoche, da ich mit drei Abfahrts- und sieben Super-G-Tagen noch sehr wenig Pistenkilometer in den Beinen habe." Aber bis Olympia ist ja noch etwas Zeit, um Kilometer und Kraft zu sammeln.